Gute Menschen oder Gutmenschen?

Frag nicht, was dein Land* für dich tun kann. Frag, was du für dein Land* tun kannst.

*: Anzeige wegen Andeutung von gemeingefährlichem Nationalismus wurde bereits erhoben. 

Es gibt Menschen, die sind durch und durch gut. Die leben nicht für sich, die leben für ihre moralischen Überzeugungen. Scheinbar fernab von jedem Egozentrismus opfern diese Leute alles, was sie haben, um für das einzustehen, was ihnen richtig erscheint.

Wenn der Drang, anderen Menschen unter die Arme zu greifen, Überhand nimmt, dann übersteigen die Kosten philanthropischen Verhaltens allerdings früher oder später bei aller anfänglicher Euphorie doch den Nutzen.

Hey, keine Frage: »Helfen« ist toll. Wer hilft, wird gemocht. Wer hilft, fühlt sich sinnvoll. Wer hilft, poliert vollautomatisch sein Ego. Wir sind viele Egos auf der Welt – so viele, dass wir fast zwangsweise ein verzweifelt-pathologisches Geltungsbedürfnis entwickeln, wenn wir das Gefühl haben, zu wenig gesehen zu werden. Zumindest wir mit unserem westlichen Wertsystem und dem chronischen Schuldkomplex, der uns als emotionalen Trümmerkindern  schon im Säuglingsalter mit der Muttermilch eingeflößt wurde. Das Gefühl, völlig selbstlos und moralisch korrekt zu handeln, hält unser verkrüppeltes Selbstwertgefühl zusammen wie regenbogenfarbenes Panzertape.

Der mentale Arbeitsspeicher, den du für deine Mitmenschen opferst, den bekommst du aber nicht einfach so zurück. Unser Gehirn leidet unter einem ganz gewaltigen Ghosting-Phänomen. Und die ganze »Helfen«-Kiste hat einen Rattenschwanz von hier bis Reykjavík.
Solange du dem Rest der Welt Platz in deinem Kopf gewährst, musst du Abstriche für dich selbst und dein Umfeld in Kauf nehmen. Diese Programme, die immer irgendwie im Hintergrund deines Kopfs laufen, die immer irgendwie den Fokus auf andere richten und nach Möglichkeiten suchen, sie glücklicher und dich glorreicher zu machen, die fressen Energie.

Das ist okay, wenn es um jene Menschen geht, die dir am Herzen liegen. Für unsere Liebsten gehen die meisten von uns durchs Feuer. »Kosten« gibt es hierbei nicht. Liebe und Freundschaft sind keine Einbahnstraßen: Was wir geben, das bekommen wir zurück. Funktionierende Beziehungen entzünden das Feuer von selbst. Sie nehmen uns nichts weg. (Tun sie’s doch, sind sie auf lange Sicht hinfällig.)

Wer außerhalb dessen jedoch zu sehr nach außen schaut, läuft früher oder später Gefahr, auf die Schnauze zu fliegen. Wer – warum auch immer – die gesamte Menschheit puckern und pampern will, der killt Ressourcen. Am Anfang nimmt man das noch gar nicht wirklich wahr (hey, »gut sein« fühlt sich ja auch erst mal ziemlich gut an). Irgendwann wird’s dann ein bisschen anstrengend, aber das ist okay, man ist ja Held und so. Helden müssen ein kleines bisschen leiden. Später allerdings, da wird die Sache zunehmend schmerzhafter: Da sind plötzlich Grenzen, unsichtbare Grenzen überall, und man hat weder Lust noch Kraft noch Zeit noch Geld, um dem halben Planeten noch weiter in den Arsch zu kriechen.

Und das ist der Punkt, an dem man stürzt.

Der halbe Planet ist dein Arschkriechen nämlich längst gewöhnt. Wenn du plötzlich anfängst, Nein zu sagen, sorgt das für verdammt lange Gesichter.

Kollateralschäden

Sind wir mal ehrlich, den absoluten Großteil der Menschen um dich herum interessiert es einen Scheiß, wie es dir geht. Abgesehen eben von denen, die dich lieben. Everybody’s Vollidiot zu sein, bringt Druck mit sich: Irgendwer will immer was, und sei es nur, dass du 20 Euro »auslegen«, als emotionaler Abfalleimer herhalten oder die 68-köpfige Blumenarmee von Großtante Gertrud gießen sollst.

Mit ausreichend Kurzsichtigkeit könntest du jetzt natürlich behaupten, dass der einzige Leidtragende dieser wachsenden »ich konnte doch nicht einfach so Nein sagen«-Entwicklung du selbst wärst. Ist aber Blödsinn.

Denn. Erstens: Die, die mehr und mehr unverschuldet Abstriche machen müssen, sind deine Familie und Freunde. Du bist schließlich anderweitig beschäftigt. Du bist müde. Du bist genervt. Du bist out of order. Geht’s dir gut? Nö. Bist du der einzige Mensch in der Rechnung, der Opfer bringt? Nö.
Haushalt? Bleibt liegen, du hast dich ja breitschlagen lassen, länger zu arbeiten. Familiäre Verpflichtungen? Muss wer anders erledigen, du tust doch schon so viel (für andere, nicht deine eigenen Leute, aber hey, du bist halt ein Held). Ein netter Abend im Kreis deiner Lieben? Fickt euch, ihr egoistischen Taugenichtse, guckt mal, was ich alles leiste, nehmt euch mal ein Beispiel an mir (wie ich angepisst und ausgebrannt meine Selbstgerechtigkeit und mich nach schlanken 12 Bier ins leere Doppelbett transportiere)!

Zweitens: Du versaust die Menschen. Wir alle gehen den Weg des geringsten Widerstands – und wer keine moralischen Bedenken hat, andere für sich ackern zu lassen, der nimmt dein Angebot ohne Kusshand, mit Pech aber mit mehr Forderungen und einem gepfefferten Arschtritt an. Früher hieß es in der Kindererziehung noch »Kinder, die wollen, kriegen nix!« – heute kriegen die, die nur frech genug fordern, alles in den Arsch geschoben. Vorzugsweise durch uns »gute Menschen«, die wir versuchen, unsere Probleme mit uns und der Welt übers »gut Sein« zu verarbeiten. Die von uns beschenkten Menschen sind aber mental weit entfernt davon, sich erkenntlich zu zeigen. Im Gegenteil. Wer mit der Frage nach 20 Öcken Erfolg hatte, versucht’s beim nächsten Mal lieber gleich mit 100. Unsere Gesellschaft hält nicht mehr viel von Demut – wir sind alle narzisstisch veranlagt.

Selbstdarsteller

Narzisstisch? Das ist vielleicht das abgrundtief Böse (nach heutigen Maßstäben: Donald Trump). Aber du doch nicht!

Oder?

Sei ehrlich: Machst du das alles denn aus reiner Nächstenliebe für andere?

Nope. Wenn wir uns selbstlos geben, erhoffen wir uns etwas für uns selbst. Entweder direkte Belohnungen oder zumindest das Ausbleiben negativer Konsequenzen. Hinter der chronischen Orientierung an anderen Menschen stecken letztendlich zwei Mechanismen:

Erstens: Wir können nicht Nein sagen. Eine Bitte abzuschlagen, bringt Ärger. Wir werden für Arschlöcher gehalten. Wir faul vielleicht. Für egoistisch. Die Enttäuschten lassen ihren Frust bei uns ab. Und je unwahrscheinlicher unsere Ablehnung für sie war, desto größer fällt dieser Frust aus. Jedes Nein bedeutet also unterm Strich Stress – und den meiden wir natürlich.

Zweitens: Wir »helfen«, weil wir uns ein bisschen besser und akzeptierter und gemochter fühlen wollen.

Beide Mechanismen sind kein Zeichen von Charakterstärke. Im Gegenteil. Übertriebenes Gutmenschentum lässt im Kern verdammt tief blicken, gerade, wenn es öffentlich geschieht: Wer nämlich mit sich selbst im Reinen ist, der hat es überhaupt nicht nötig, sich demonstrativ anzubiedern.

Man kann dann immer noch ein guter Mensch sein. Man kann hilfsbereit und empathisch sein. Man kann alten Ladys die Einkäufe hochtragen, ohne darüber zu twittern, man kann offen mit seinen Mitmenschen umgehen, ohne eine Regenbogenflagge als Facebook-Titelbild zu wählen, man kann die Religionszugehörigkeit seiner Freunde respektieren, ohne sich als BFF eines Muslims bei Tinder anzupreisen oder als Christ bei Instagram eine Kippa spazieren zu tragen.

Es ist ja auch so: Derartige künstliche Hervorhebungen und pseudogute öffentliche Toleranzdemonstrationen befördern hart erarbeitete Selbstverständlichkeiten unserer westlichen Kultur letztendlich ins Abseits. Sie sagen nicht »wir sind tolerant«. Sie sagen »hey, guck mal, da ist eine andere sexuelle Orientierung und eine andere Religion, aber ich bin so weltoffen, dass ich das trotzdem ganz toll finde«. Es geht dabei nicht mehr um die anderen. Es geht um dich. Um ein bisschen cooler zu wirken, behandelst du die, die du angeblich unterstützt, ohne moralische Bedenken als Zootiere. Wie gut bist du da wirklich?

Zu viel

Es ist ja nicht so, als würde man sich als Spielball seiner eigenen Emotionen absichtlich zum Honk machen wollen. In den meisten Fällen sorgen ein Mangel an Selbstreflektion und eine pathologische Ich-Schwäche für derlei ungesunde Entwicklungen – und sonderlich spaßig äußert sich das für den Betroffenen beides nicht.

Und doch, der Ursprung ist nachvollziehbar. Je mehr wir werden, desto weniger Ruhe finden wir. Seelenfrieden ist schon lange ausverkauft. Wir kämpfen um Anerkennung wie um Sauerstoff, krepieren in der wimmelnden Masse unserer wohlstandsverblödeten Partygesellschaft und sind blind für unsere Nächsten, unsere Übernächsten – und sogar für uns selbst.

Wir sind keine Armee für das Gute. In Wahrheit sind wir schlichtweg viel zu viele, um noch wirklich gut sein zu können.

Stereotypen und Selbstreflektion

Oder: if(blau) nay; else if (!blau && grün) yay;

Letztens sagte mir jemand via WhatsApp, ich würde voll und ganz »in diese Welt passen« – vermutlich in der Annahme, diese pseudo-wohlwollende Floskel würde mich mental auf eine rosa Wattewolke transferieren. Sich für mich womöglich gar wie ein großzügiges Kompliment anfühlen.

Leider musste ich stattdessen dem Drang widerstehen, mich in meine Teetasse zu erbrechen.

Versteh mich nicht falsch. Ich bin durchaus jemand, der das Gute im Menschen, in der Welt und in sich selbst sehen kann. Es gibt ein Bataillon an Lebewesen und Dingen in meinem Leben, die ich unheimlich schätze und für die ich jeden Tag aufs Neue dankbar bin. Unsere heutige Zeit bietet obendrein Chancen, von denen einige Jahre zuvor niemand auch nur zu träumen gewagt hätte: Wir tragen das Wissen der Welt in unseren Hosentaschen spazieren – und es steht uns frei, unseren Teil zu diesem Sammelsurium an Informationen beizutragen.

Die Welt ist niemals nur schwarz. Sie ist aber auch nicht bloß weiß.

Hold my Schubladendenken

Dieses monströse Netzwerk an Fakten, das frei zugänglich durch unsere Smartphones, Laptops und Clouds pulsiert, ist für den heutigen Standard-Menschen too much. Tagtäglich bricht eine solch omnipräsente Overdose an Informationen über uns herein, dass wir beim Versuch, den gesamten Input zu verarbeiten, mental und kognitiv ausbrennen. Wie viel genau wir davon managen können, bis der Arbeitsspeicher voll ist, ist individuell verschieden. Fakt ist jedoch: Das Ausmaß interpretierbarer Informationen bis zum Kollaps nimmt stetig ab. Das Fass ist voll. Und jeder Tropfen bringt uns dem Überlaufen näher.

Es ist eine natürliche Reaktion, dass wir die Komplexität jener Daten, die unser neurologisches Betriebssystem verarbeiten soll, mehr und mehr aufzuheben versuchen, indem wir Informationen in Schubladen stecken. Man mag das Schubladendenken verteufeln wie man will: Wir alle arbeiten damit. Wir ordnen das, was wir sehen und hören, erlernten Stereotypen zu. Manche davon sind überlebenswichtig für uns, weil sie uns Gefahren erkennen lassen. Andere dienen der bloßen Vereinfachung, um Fakten in unser persönliches Weltbild einbetten zu können.

Per se sind diese Stereotypen und Vorurteile nichts Negatives. Viele von ihnen haben einen Nutzen für uns. Andere stehen auf wackligen Beinen und führen uns gelegentlich in die Irre – und doch ist das kein Drama, weil ein reflektierter Mensch jederzeit dazu in der Lage ist, ein kognitives Muster als falsch zu identifizieren. So sind eben wider Erwarten doch nicht alle Blondinen doof oder alle Jack Russell Terrier bissig. Kein Thema: Dann wird das falsche Merkmal eben aus der Schublade genommen.

Eigentlich.

Trau, schau, passt schon

Die unscheinbare Fähigkeit der Selbstreflektion ist heute leider nicht mehr sonderlich modern. Der Mensch ist so damit beschäftigt, seine persönlichen Bedürfnisse zu befriedigen und in unserer vollgestopften Zivilisation nicht verloren zu gehen, dass er zwar nach wie vor mit Schubladen arbeitet – dabei aber kaum noch fähig ist, zu differenzieren, auf welchen Annahmen seine persönlichen Stereotypen fußen und inwieweit sie überhaupt auch nur ansatzweise der Realität entsprechen. Sich selbst und den Rest der Welt stetig zu hinterfragen ist nämlich anstrengend. Und Anstrengung mögen wir nicht. Unsere Anstrengungstoleranz ist bereits lange überschritten, wenn wir es geschafft haben, unseren Arsch pünktlich ins Büro zu bewegen.

Im Kern ist das nicht weiter tragisch. Wir sind (eigentlich) keine Computer. Wir können nicht unabhängig von unseren Befindlichkeiten funktionieren und stetig korrekte Analysen und Berechnungen anstellen.
Die Ironie ist allerdings die, dass wir einen solchen Grad von Faulheit und Unfähigkeit im Hinblick auf die Überprüfung unserer eigenen Verarbeitungsprozesse entwickelt haben, dass wir überhaupt nicht mehr wahrnehmen, wie stumpf wir geworden sind. Und das macht uns leider Gottes zu verdammt dummen Herdentieren, die sich leichter steuern lassen als Getränkeautomaten.

Gib uns bestimmte Schlüsselworte und wir werden berechenbar und zuverlässig reagieren.
Gib uns Flüchtlinge. Gib uns Nazis. Gib uns Klima.

Und wir scheißen auf die Fakten. Wir tun genau das, wozu wir uns haben programmieren lassen. Wir jubeln, pöbeln oder hüpfen. Wir mutieren zu einer Welle übermüdeter, frustrierter, aber gehorsamer Massenhysterie. Wir sind die Rinderherde, die, aufgescheucht vom Gewitter, über die Klippe hetzt – und erst kurz vor dem Aufschlag erwacht und denkt: Fuck. Das wird wehtun.

???

Ist das die Welt, in die zu passen erstrebenswert sein soll?

Natürlich bin ich Mensch. Natürlich bin ich bis zu einem gewissen Grad Herdentier. Natürlich funktioniere ich nach bestimmten psychologischen Mustern, die aufzubrechen mich zeitweise mehr Anstrengung kostet als ich aufbringen kann.

Aber muss ich mich damit abfinden? Muss ich die Schultern zucken und sagen, »okay, c’est la vie, let’s get ready to rumble«?

Fernab von stupider Schwarzmalerei: Muss ich das gut finden, was wir tagtäglich tun, was wir uns einbilden zu tun, was wir letztendlich doch nicht tun?

Musst du das?

Ist es nicht an der Zeit, dass wir wieder lernen, Fragen zu stellen?