Danny-Boys Stimmen

Das weiße Licht fraß sich durch seine Augen, befiel die Sehnerven dahinter und implodierte in seinem Kopf. Flimmernde Flecken von Grau und Schwarz schwirrten wie Motten durch sein Blickfeld. Er versank in seidenem Beton.
Sie waren immer noch da. Er konnte sie flüstern hören. Und Sophie war mitten unter ihnen.
Während Kälte durch seinen Unterarm floss, krallte er sich wie ein Ertrinkender an die letzte Erinnerung, die ihm geblieben war. Sophies Gesicht in seinen Händen. Ihre blassen, weichen Wangen an seiner Haut, die braunen Rehaugen geschlossen wie im tiefsten Schlaf. Er hatte sie geküsst, ihre Lippen mit seiner Zunge geteilt, doch sie hatte seine Leidenschaft nicht mehr erwidert.
Sie war sein Anker gewesen, wenn die Wellen gedroht hatten, ihn fortzuspülen. Jetzt war sie Teil der Flut geworden.
Ihre Stimme geisterte durch den sterilen Raum, vermischte sich mit denen der anderen. Er verstand nicht, was sie sagten. Er verstand nicht, was sie von ihm wollten.
Er erinnerte sich wieder.
Sie hatten gestritten. Vorher. Wegen der Scherben. Er hatte sein Bild nicht mehr ertragen können, also hatte er es zerschlagen. Eines nach dem anderen. Bis das Haus von ihm befreit gewesen war. Sophie hatte die Scherben im Badezimmer gefunden und geschrieen, ihn angeschrieen.
»Geht das alles jetzt von vorne los?«
Er hatte nicht gewusst, was er antworten sollte.
Er hatte es versucht. Er hatte es wirklich versucht.
Die Schatten über ihm wurden größer. Die Motten verwandelten sich in Fledermäuse.
»Hast du deine Medikamente genommen?«
Eine der Neonröhren an den schmutziggrauen Deckenplatten flackerte. Seine Augen hatten sich an das grelle Licht gewöhnt. Neben ihm rieselte eine klare Flüssigkeit aus einem Infusionsbeutel in die Tropfkammer darunter. Der damit verbundene Schlauch endete in seinem rechten Unterarm.
Sophie war auf die Knie gegangen, vor den Trümmern seines Spiegelbilds, und ihre Tränen waren in sein Blut geflossen.
»Hast du sie genommen?«
Er hatte gesagt: »Es tut mir leid.« Doch sie hatte nur den Kopf geschüttelt.
Seine Hände und Arme pochten im Rhythmus seines Herzschlags. Schmerz wühlte sich durch seine zitternden Glieder und hielt ihn wie eine Mutter ihr weinendes Kind. Die Laken unter ihm waren feucht. Er fror.
»Du hast es mir versprochen!«
Er war zu ihr auf die Fliesen gesunken. »Es tut mir leid!«
»Du hast es versprochen!«
»Es tut mir doch leid!«
Dasselbe Gespräch, wieder und wieder, über Jahre hinweg. Über Menschen hinweg.
Er hatte in die Scherben gegriffen, hatte versucht, sie aufzusammeln, und aus immer neuen Schnitten war das Blut über sein zersplittertes Spiegelbild gelaufen.
Sophie hatte geweint. So sehr geweint.
Er hatte es wieder gutmachen wollen.
Die Fledermäuse verwandelten sich in Krähen. Ihre schwarzen Schwingen fegten über ihn hinweg, umkreisten ihn wie Gespenster. Die Stimmen wurden lauter. Schriller. Schlugen unnachgiebig gegen seine Trommelfelle.
»Ich kann das nicht mehr«, hatte sie unter Schluchzen gesagt. Dann hatte sie sich erhoben.
Seine glitschigen roten Hände hatten nach ihren Beinen gegriffen. Das Blut hatte den Stoff ihrer Jeans schwarz gefärbt bevor sie ihn hatte abschütteln können. Er war auf die Füße gekommen, schwankend, nach ihr krallend, während sie sich rückwärts von ihm weg bewegte.
Die Stimmen rissen und zerrten jetzt an ihm wie wilde Bestien. Drangen in ihn ein. Die Krähen wurden größer. Ihr Gewimmel aus Finsternis und federnem Pech schluckte das Neonlicht. Er wollte nach ihnen schlagen, doch sein Körper reagierte nicht.
»Ich hab es doch versucht!«, hatte er geschrieen. Und wieder hatte sie nur weinend den Kopf geschüttelt.
Als er diesmal nach ihr gepackt hatte, war seine Hand nicht leer gewesen.
»Verlass mich nicht. Nicht noch einmal!«
Die Schwärze über ihm stierte aus dutzenden toten Augen auf seinen bebenden Körper herab. Die Kälte kroch in sein Innerstes. Eisfinger legten sich um sein Herz.
Die Stimmen tosten in seinem Schädel. Er würde explodieren.
Die Spitze der roten Scherbe war widerstandslos in Sophies Hals eingedrungen. Es war so schnell gegangen.
Sie hatte ihn angestarrt, ungläubig, fassungslos. Ein Gurgeln war alles gewesen, was sie noch hervorgebracht hatte. Dann war sie, die Hände gegen Scherbe und Wunde gepresst, zusammengesackt. Er hatte sie aufgefangen, sie in die Arme genommen, sie festgehalten, während ihr Leben sich heiß über die Badezimmerfliesen ergoss.
Er hatte es wirklich versucht.
Das Schwarz löschte seine Umgebung aus. Umfing ihn, umfasste ihn und drückte zu. Er brüllte an gegen die Stimmen in ihm – doch die Klageschreie der Toten waren lauter. Wie jedes Mal.
Er hatte ihr Gesicht in den Händen gehalten. Ihre rehbraunen Augen geschlossen als würde sie bloß schlafen. Er hatte sie geküsst, ihre Lippen mit seiner Zunge geteilt, sie liebkost und gestreichelt. Doch sie war schon zu einer seiner Stimmen geworden.

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