Folge deiner Leidenschaft

Wie lautet der Karriere-Tipp Nummer Eins der heutigen Zeit (insbesondere auf einschlägigen Blogs zum Thema »Bau dein Online-Business«)?

Finde deine Leidenschaft. Folge deiner Leidenschaft. Werde unendlich erfolgreich und glücklich mit deiner Leidenschaft!

(Wieso habe ich jetzt Martin Lawrence im Big Mama-Kostüm vor Augen? »Habt Spaß mit eurem Hintern. Werdet eins mit eurem Hintern!«)

Ich will gar nicht sagen, dass diese ganze Leidenschafts-Kiste Blödsinn ist. Aber: Die Art und Weise, wie sie vermittelt wird, weckt oftmals völlig falsche Erwartungen. 

Das führt dazu, dass all die gebeutelten Menschen da draußen, die das Gefühl haben, mit Alltag und Job auf keinen grünen Zweig mehr zu kommen, in ihrer ohnehin sensiblen Lage bitter enttäuscht werden. Und das ist schlecht. Denn das Letzte, was diese Leute brauchen, ist die Erfahrung: »Das mit der Leidenschaft und dem Empowerment und der Selbstständigkeit, das ist auch Quatsch. Für mich gibt’s keine Möglichkeit, glücklich zu werden!«

»Finde deine Leidenschaft« – kein guter Ratschlag?

Tatsächlich gibt es Forscher, die die »follow your passion«-Schiene der heutigen Selbsthilfe- und Karriere-Literatur bereits aufs Korn genommen haben. 1

Dabei ging es nicht darum, ob das Folgen einer Leidenschaft automatisch Unsinn ist. Vielmehr wurde geprüft, unter welchen Voraussetzungen die Thematik den Menschen voranbringt und unter welchen nicht. Im Fokus stand dabei das Verständnis von Leidenschaft und Interesse selbst. 

Es wurden zwei Theorien gegenübergestellt:

Die fixed theory, laut der unsere Interessen einfach so da sind und nur von uns entdeckt werden müssen.

Die growth theory, laut der Interessen sich erst durch unser Zutun mehr und mehr herausbilden und entwickeln. 

Tja. Es stellte sich heraus, dass die Annahme der fixed theory für den jeweiligen Menschen eher schädlich als hilfreich ist. 

Warum? 

Weil die Vorstellung, dass deine Leidenschaft einfach so in dir schlummert, dir das Gefühl gibt, dass du nur eine begrenzte Anzahl an Möglichkeiten hast, dir deine Traum-Karriere aufzubauen. Du hast nur so und so viele Interessen und musst mit dem arbeiten, was da ist. Ein Thema gibt dir nicht sofort den ultimativen Kick? Schade, das war wohl nichts – bitte weitersuchen! Neue Interessen entwickeln geht nicht. 

Plus: Wenn ein Projekt dann nicht sofort funktioniert, denkst du dir, »ups, das war wohl doch nicht meine Leidenschaft« und stampfst es in den Boden. Denn, hey: Wieso Zeit mit etwas vergeuden, das sowieso garantiert zum Scheitern verurteilt ist?  Wenn’s jetzt schwierig wird, dann kann es ja wohl nicht dein ultimativer Interessenschwerpunkt sein, oder?

Wunderkerze
»Heißheißheißheiß!!! Mach das weg!«

Unschwer zu erraten, dass wir mit der growth theory deutlich besser fahren. Wenn wir den Standpunkt vertreten, dass wir Einfluss auf die Entwicklung unserer Interessen haben, hat das zwei große Vorteile:

  • Wir sind bereit uns weiterzubilden und neue Interessengebiete zu erkunden. 
  • Wir bleiben bei der Stange, auch dann, wenn’s kompliziert und schwierig wird. Wir fuchsen uns rein, anstatt aufzugeben. 

Für ein erfolgreiches Business und erfülltes Leben brauchst du beides. Du musst immer offen für Neues sein. Und du brauchst Resilienz: Die innere Kraft, Widerstände zu überwinden und weiterzumachen. 

Was bedeutet das für die Selbsthilfe- und Karriereratgeber?

Die Art, wie wir etwas vermitteln, hat (leider oder zum Glück) auch Einfluss auf die Glaubenssätze unserer Zielpersonen. 

Selbst wenn dir vollkommen klar ist, dass du natürlich nicht mit deiner Leidenschaft für Beauty-Produkte auf die Welt gekommen bist: Wenn ich dir hier erzähle, dass du nun gefälligst deine eine allergrößte Leidenschaft finden musst, um genau daraus dein Business zu bauen… Dann gebe ich dir das Gefühl, dass du auf genau dieser Interesse aufbauen musst und gar nicht die Chance besteht, dass du dir auch ein ganz anderes Gebiet suchen kannst, für das du irgendwann einmal brennen wirst.

Damit erhöhe ich die Wahrscheinlichkeit, dass du mit deinen Vorhaben scheiterst, leider enorm. 

Denn: Du kannst Beauty total großartig finden. Das ändert nichts daran, dass der Markt in diesem Bereich übersättigt ist. Solange du nicht die eine vegane, Manga-mäßige, knallfarbige Killer-Produktlinie aus nachwachsenden und lokal erhältlichen Rohstoffen kreierst, die wirklich noch nie da gewesen ist? Semi-gute Chancen, dass du damit die Weltherrschaft an dich reißen kannst. 

Computer
»Blogstatus: Online. Artikel: 1. Geschätzter Verdienst am Monatsende: 2.500 Euro. Mindestens!«

Dabei ist es ja so: Du kannst noch ganz neue Leidenschaften entwickeln. Du kannst dich sogar an populären und profitablen Themengebieten langhangeln und schauen, ob da nicht irgendwas ist, das eine gewisse Resonanz bei dir erzeugt. Das dir das Gefühl gibt, dass du etwas daraus machen kannst – auch wenn du jetzt vielleicht noch keine Ahnung davon hast. 

Und wie soll ich nun bitte (neue) Leidenschaften finden?

Die Fragen sind nicht mehr bloß »worüber kannst du stundenlang reden?« oder »wozu wollen andere Leute deine Meinung und Tipps hören?«.

Das sind Dinge, die mit der Zeit von selbst kommen. Die sich einstellen, wenn du ein Interesse weiterentwickelst und neues Wissen ansammelst. 

Fünf Fragen, die du dir stellen solltest

Viel interessanter für deine weiteren Karriereentscheidungen sind solche Fragen:

  1. Was an deiner aktuellen Arbeit gefällt dir richtig gut? Was gibt dir den Kick und die Motivation, weiterzumachen?
  2. Gegenfrage: Was hasst du an deinem Job? Was genau willst du so nicht mehr?
  3. Hattest du jemals das Gefühl »das ist meine Bestimmung, das gebe ich der Welt zurück«? In welcher Situation war das?
  4. Auf was an deiner Arbeit bist du so richtig stolz?
  5. Angenommen, du wärst völlig frei von Zweifeln, von Ängsten, von Forderungen anderer. Was würdest du mit deinem Leben machen wollen?

Während die letzte Frage dir durchaus einen Hint in Richtung »das liebst du wirklich« gibt, sind die anderen eher strategisch orientiert. Sie führen dir nämlich genau die Aspekte vor Augen, die für dich in deiner Arbeit zählen. 

Beispiel gefällig? Wenn ich könnte, würde ich mein gesamtes Leben dem Schreiben widmen. Das war Frage Nummer 5. Anhand der anderen Fragen stelle ich fest: Ich verabscheue die Arbeit in fremdbestimmten und ungerechten Systemen, lebe aber dafür, andere Menschen aufzubauen, sie an die Hand zu nehmen und ihnen das Gefühl zu geben, dass das Leben weitergeht und sie etwas Gutes daraus machen können. 

Das Ergebnis? Unter anderem dieser Blog. 

Und der Rest kommt dann wie von selbst?

Nein. 

Leidenschaft hin oder her: Arbeit bleibt Arbeit. 

Und die Arbeit nach deinen Werten und Leidenschaften ist in vielen Fällen deutlich schwieriger als in einem Job, der dir zum Monatsende einen festen Gehaltsscheck beschert. 

Die Sache ist die: Das ist okay so. Das Leben ist eine Reise. 

Jeff Goins vermittelt in seinem Buch »The Art of Work«* das Bild eines Lebens als Portfolio. Das trifft den Nagel auf den Kopf. Denn: Du kannst nicht einfach mit den Fingern schnippen, deine Leidenschaften und deine Bestimmung wissen und – bäm! – deine perfekte Karriere hinlegen. Vielmehr musst du schon einen ziemlich weiten Weg zurückgelegt haben, um überhaupt zu wissen, wie du dir dein Erbe auf dieser Welt eigentlich vorstellst. Und wenn du dann beginnst, dem entgegenzuarbeiten, sammelst du wieder neue Erfahrungen. Die wiederum deine Vorstellungen von Arbeit und Bestimmung beeinflussen und verändern. 

Art of Work
Absolut zu empfehlen!

Das ist überhaupt nicht negativ. Es gibt kein ultimatives Ziel – hättest du das erreicht, wäre dein weiteres Leben ja sinnlos und langweilig! 

Und wenn alles, was du willst, dir nur so zufliegen würde… Wüsstest du es dann überhaupt zu schätzen?

Die Entscheidung, sich von Konventionen und alten, festgefahrenen Strukturen zu lösen, bedeutet nicht, dass man sich kurze Zeit später in seiner Hängematte am Strand ausruhen kann. 

Vielleicht kann man das nie. 

Aber: Die Arbeit, die man tut, dient plötzlich einem höheren Ziel. Und fühlt sich dadurch unendlich bedeutsamer an, als in einem 9 to 5-Job zu verrotten, der einfach nur die logische Konsequenz der Ausbildung oder des Studiums war, wofür man sich vor Jahrzehnten mal entschieden hat. 

Leidenschaft ist nicht alles, um diese Bedeutung zu erlangen. Aber wer für seine eigene Bestimmung arbeitet, ist in jedem Fall mit Leidenschaft und Feuereifer dabei!


*: Bei so gekennzeichneten Links handelt es sich um Affilate-Links.

Quellen

  1. O’Keefe, P. A., Dweck, C. S., & Walton, G. M. (2018). Implicit Theories of Interest: Finding Your Passion or Developing It?. Psychological science, 29(10), 1653-1664.

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