#fuck2018


ZR ist ein Projekt, das bereits eine verdammt lange Phase der Findung mitgemacht hat – und das diese Phase womöglich auch niemals verlassen wird. 

Seit 2015 ist die Domain meine. 

Im Januar 2018 habe ich das Ding semi-offiziell gemacht. Und dann doch nie so richtig den Sprung gewagt. 24 Artikel hat das Baby bekommen. 24 Artikel, SEO, ein paar Pinterest-Pins und… that’s it. Nicht, weil ich nicht wüsste, wie Traffic geht. Sondern, weil mir die Kraft fehlte. Die Power. 

Mein Elan-Empfang ließ dieses Jahr ziemlich zu wünschen übrig.

Trotzdem verirren sich tagtäglich Leser hierher. Der Artikel für Sport-Noobs kommt ziemlich gut an. Der Blogplaner wurde vielfach heruntergeladen. Das Best Of der deutschen Blogs wird gern gelesen. Selbsthass ist augenscheinlich vielen ein Begriff. Und Fat Acceptance immer noch in aller Munde. 

ZR bedient ein ziemliches Spektrum an Themen – ungefähr so, wie ein ziemliches Spektrum an Problemen aktuell mein Leben bedient. 

Deswegen hat dieser Blog kein festes Thema. Und deswegen ist es um mich seit einer Weile still.



Blogger – Loser, Helden, irgendwas dazwischen?

Das alles hier startete ziemlich unpersönlich. Weil ich nicht finde, dass wir Blogger uns immer in den Mittelpunkt drängeln müssen. »Blogger«, das ist schon so ein Unwort geworden. Das sind die Mädchen bei Shopping Queen, die online ihre Outfits posten und sich zu Mode-Gurus und Herrscherinnen der Welt aufspielen. »Blogger«, das sind die Influencer auf Instagram, die zwar keinen geraden Satz zustande bringen, dafür aber gut mit Selfiestick und Emojis sind. »Blogger«, das sind die hochglanzgefilterten Pseudo-Weltversteher, die ihre Toleranztrends via Hashtags promoten und uns das Leben als 3D-gedruckte Cosmopolitan-Ausgabe verkaufen wollen. 

Oder?

Jein

Manchmal sind Blogger auch einfach die, die den Mund aufmachen. Die sich angreifbar machen für das, woran sie glauben. Die Gedanken ein Gesicht geben, Problemen einen Namen und Gequälten eine Schulter, an die sie sich anlehnen können. Die versuchen, ein bisschen Hoffnung zu spenden, auch und gerade dann, wenn sie selbst eigentlich im Dunkeln tappen.

Das Schöne am Bloggen? Es gibt kein Zeichen-Limit. Wer bloggt, hat die Chance, alle Seiten zu beleuchten. Wer bloggt, hat Wörter so viel er möchte. Und damit kann er verdammt viel anfangen. 

Viele nutzen das nicht. Das stimmt. Aber es gibt sehr, sehr viele Blogger da draußen, die mit ihrem Geschriebenen nicht sich selbst erreichen wollen – sondern andere. Andere, denen es vielleicht beschissener geht als ihnen selbst. Andere, denen sie unter Umständen vielleicht ein klitzekleines bisschen unter die Arme greifen können, irgendwie, auf ihre ganz besondere Weise.

Weil Worte nicht bloß Schwerter sind. Sie sind auch Krücken, Gehwagen und Rollstühle, sie sind warme Decken und Mäntel, sie sind Salben und Medizin, sie sind Umarmungen und Liebe. 

Orgien aus Schwarz und Weiß

Das geht der Welt ziemlich ab. Umarmungen. Liebe. 

Wir sind eher so Marke »in your face« und »voll auf die Fresse«. 

Wir sind immer extrem und immer dagegen. Und wir müssen ins Rampenlicht. Wir sind alle schön, schlau und haben voll viel zu sagen. Die Welt muss uns sehen, uns zuhören, uns zu Füßen liegen, verdammt! 

Mikrofon
»HALLO WELT!«

Wenn ich durch meine Twitter-Timeline scrolle, habe ich oft das Gefühl, einmal falsch geblinzelt zu haben und plötzlich wieder auf dem Schulhof zu stehen. 

Ja, ehrlich. Komm mal mit! Ich zeig’s dir.

Schau: Da drüben stehen die Tussis. Make up steht, Hirn nicht so. Erst mal’n Selfie. Woke up like this. Time for coffee. Yolo, xoxo! Sind normalerweise harmlos, solange sie ihre Likes bekommen. Aber wehe, wenn nicht.

Dort hinten in der Ecke die Nerds und Streber. Raketentechnik meets Digimon. Science, bitch! Lass mal Donald Trump die globale Erwärmung erklären! #Wirhamsdrauf, Alter!

Guck mal nach da! Da sind die Veggies, die bequemen Vollzeit-Veganer, die Peta-Aktivisten mit Fake Fur an der Jacke und die Unterschriftensammler für Online-Petitionen, die kein Schwein je lesen wird. #Wirsindwichtig,y’all!

Dahinter tummeln sich die bösen AfD-Wähler. Die streiten sich gerade (wieder mal) mit den Linken, die immer noch meinen, Links stehe für Demokratie. #Fucknazis! Alle keinen Plan von nix, aber die Fresse offen. Ballern sich Silvester die perfekt arische Hand weg und lassen sie sich ne Stunde später vom syrischen Arzt im Notdienst wieder annähen. Schwingen tol(eranz)wütige Reden und verlangen im nächsten Satz Bücherverbrennung und Meinungszensur. Kennt man. 

Dann sind da noch die Neuzeit-Feministinnen und Gender-Aktivisten, die ausrasten, wenn der 3-Jährige einen babyblauen Legostein in der Kiste findet und die Töchterchens Barbie einen Plastikpenis verpassen. 

Ein bisschen #moralischeÜberlegenheit für alle. Du weißt schon. 

Die mental health-Brigade steht übrigens ein Stückchen abseits, rollt zurecht die nicht bloß traurigen Augen – und verzweifelt. Zum 165. Mal an diesem Tag. 

Und fast hätte ich sie vergessen: Mittendrin stehen ein paar #fellfürdiewelt-Anhänger. Die machen jedermanns Timeline bunter, indem sie Fotos ihrer Tiere posten. Scheißegal, ob einäugig, dreibeinig oder explodiertes Sofakissen – Katzen, Hunde und Co. gehen immer. Sind übrigens auch die einzig wirklich toleranten Lebewesen auf Twitter. Die Tiere, mein ich. 

Ist denen nämlich ausgesprochen wumpe, wie andere sie finden. Die haben ihre 2 Sekunden Ruhm im Twitterverse nicht nötig. 

Bulli
»Chill mal, Dude.«

#WirsindnenScheiß

Eure Hashtags, euer #wirsindmehr, #wirsindnochmehr, #metoo und #ichsowiesoauch, euer #ihrseidscheiße und #fuckwasauchimmer – lasst die einfach mal stecken. Euer aggressives Gehabe, euer chronisches Gemecker, eure lächerliche Überheblichkeit, euer ständiges Verurteilen anderer Menschen, obwohl ihr deren Background nicht einmal erahnen könnt – das hat nichts mit Toleranz zu tun, nichts mit »ich promote hier ja nur Weltoffenheit und so«, das ist kein Welt-Verbessern, das ist kein Beschützen irgendwelcher Wertsysteme und Ideale, das ist einfach nur armseliges pubertäres Schulhof-Geplänkel. Das ist Cliquenbildung. Das ist Feindbild-Schaffung. Das ist genau derselbe Dreck, den ihr angeblich so sehr verabscheut. 

Ihr macht Menschen nicht einfach bloß traurig, ihr macht sie krank

Ihr redet schlecht, was anderen hilft, und gebt ihnen damit das Gefühl, falsch zu sein. 

Ihr bezeichnet Menschen mit bestimmten Ansichten völlig undifferenziert als Abschaum, pisst euch dann aber ein, weil ihr das Echo nicht ertragt. 

Ihr verurteilt Krankheiten, Meinungen und Entscheidungen, die ihr nicht verstehen könnt, als wärt ihr das Maß aller Dinge. 

Ihr seid nicht in der Lage, auf Augenhöhe zu diskutieren. Ihr tauscht keine Argumente, ihr tauscht Verletzungen, deren Narben bei manchen nie ganz verblassen werden. 

Ich bin eine von euch. Weil wir alle Tiere sind – und weil getroffene Hunde bellen. Wir sind alle emotionsgeladen. Wir sind alle mal frustriert, gereizt und bissig. 

Aber wie ihr kann ich reflektieren und nachdenken, bevor ich zuschlage. Wie ihr kann ich mich dazu entschließen, sinnlose Diskussionen zu beenden. Wie ihr kann ich mein Gegenüber als Individuum wertschätzen, auch dann, wenn es andere Ansichten vertritt als ich. Wie ihr kann ich Menschen die Hand reichen, die am Boden liegen – scheißegal, was sie von mir unterscheiden mag, scheißegal, warum sie dort liegen. 

Happy New Year!

2018 war ein absolutes Scheißjahr. Ganz sicher nicht nur für mich. 

Ich verdanke es anderen Menschen, dass ich noch hier bin. Ohne sie wäre ich tot. Und das ist nichts, was einzugestehen mir leicht fiele. 

2018 hat mir beigebracht, was Liebe wirklich bedeutet. Aber ich hab’s auf die harte Tour gelernt. Die ganz beschissen harte Tour. Das hat unheimlich wehgetan – mehr als ich eigentlich verkraften konnte. 

Und doch: Ich bin hier. 

Und wenn ich einen Wunsch formulieren darf, einen klitzekleinen Wunsch an meine Artgenossen für das Jahr 2019, dann wäre es der:

Seid mal ein bisschen nett zueinander. 

Ehrlich. Seid empathisch. Versetzt euch mal in euer Gegenüber, anstatt immer nur draufzuschlagen. Seid mal zurückhaltend, wenn ihr Dinge nicht so richtig verstehen könnt. Lernt Akzeptanz – dann werdet auch ihr akzeptiert. 

Wir sind alle auf unsere Weisen einzigartige Schneeflocken. Aber wenn die Welt in Flammen steht, müssen wir die reißende Flut werden, die sie zu löschen vermag. 

Welle
7,63 Milliarden Schneeflocken…

Denkt mal drüber nach. 

Kommt gesund und munter rüber!


2 Kommentare zu “#fuck2018 – An die 7,63 Milliarden Schneeflocken da draußen!”

  1. “Weil Worte nicht bloß Schwerter sind. Sie sind auch Krücken, Gehwagen und Rollstühle, sie sind warme Decken und Mäntel, sie sind Salben und Medizin, sie sind Umarmungen und Liebe.”
    JA!
    Und: ich bin froh, dass du noch da bist. Bleib es, bitte!

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