Das Problem mit dem Haltungsjournalismus

Das Beste, was ein Mensch heutzutage für sich tun kann, ist, auf die Meinung anderer zu scheißen. Das klingt natürlich ignorant und böse und total Nazi (denn alles Schlechte ist heutzutage Nazi, nicht wahr?). Ist es aber gar nicht. Denn wer das Geblubbere der Leute ausblenden und bei den Fakten bleiben kann, der bekommt bedeutend mehr zustande als eine um sich schlagende Paniknudel, die verzweifelt um instagramtaugliche »Haltung« ringt.

Wenn »Haltung« bedeutet, Verbrechen selektiv zu relativieren, um auf Twitter und Co. seine pseudomoralistischen Gesinnungen feiern zu lassen, dann ist »Haltung« armseliger Schwachsinn.

Es ist an Lächerlichkeit kaum zu übertreffen, wenn Menschen ein Verbrechen instrumentalisieren, indem sie anderen eine Instrumentalisierung vorwerfen. Es geht den sich selbst beweihräuchernden Nicht-Nazis eben nicht um den Tod eines Kindes. Nicht um den Verlust, den eine Mutter erlitten hat. Um eine Gräueltat, die sie mitansehen musste und mit der sie nun zu leben hat.

Nö. Es geht nur darum, dass ärgerlicherweise ein Afrikaner diese Tat begangen hat – und da das aus irgendwelchen ganz kuriosen Gründen häufiger geschieht, bricht der Journaille der Panikschweiß aus. Da könnte ja schon wieder durchblitzen, dass wir seit 2015 vielleicht ein klitzekleines Kriminalitätsproblem hinzugewonnen haben – und das, wo zuvor unsere Verbrechensrate ja nun auch nicht gerade bei 0 lag.

Scheiß Deutsche! Alles Nazis!

Ist ja nicht so, dass nicht auch Deutsche Verbrechen begehen würden. Trotzdem muss nun niemand in Begeisterungsstürme ausbrechen, wenn Menschen aus fremden Ländern hier zusätzlich ihre Mord- und Vergewaltigungsgelüste ausleben. Es ist berechtigt, auf bestimmte Entwicklungen in diesem Land zornig zu reagieren.

Ich kenne viele, die das tun. Ich tu’s oft genug selbst. Ärgerlicherweise sind das aber keine Nazis, wie die Haltungs-Twitteria uns das so gern erzählen möchte. Das sind stinknormale Leute, die hier leben, arbeiten, sich sozial engagieren, häufig selbst einen Migrationshintergrund haben, und die nie einen Menschen wegen seiner Herkunft verurteilen würden. Sehr wohl aber wegen seines Verhaltens. Und das ist legitim. Würden wir das nicht tun, dann könnten wir hier direkt die Anarchie ausrufen.

Es ist aber einfacher, einen auf »mimimimi Rassismus« zu machen, wie ein Kleinkind, das eine uralte Schallplatte verschluckt hat, als Probleme zu benennen und sich um Lösungen zu bemühen. Der linksgrüne Twitterer, der immer noch seine »aber die Hautfarbe ist doch nicht wichtig«-Statements vom Stapel lässt und sich dabei fühlt wie Einstein bei der Aufstellung der Relativitätstheorie, der checkt irgendwie gar nicht, dass die Hautfarbe an sich wirklich kein Schwein mehr interessiert: Es geht zunächst einmal nicht darum, ob ein Straftäter Afrikaner, Deutscher oder Marsianer ist. Es geht darum, dass ein Verbrechen begangen wurde. Und die Frage nach dem Wer und Warum – die ist menschlich. Die zu stellen steht uns zu.

Sicherheitsgefühle

Ergeben sich nun im Verlauf Muster – bestimmte Tätergruppen begehen immer wieder ähnliche Verbrechen – dann wäre es grob fahrlässig, würde die Polizei (und später auch die Politik) darauf nicht reagieren. Da ist dieser Motorrad-Club, der hat’s irgendwie mit Waffenhandel und Drogen und ständig bekriegt der sich mit diesem anderen Motorrad-Club… Ab und zu zerreißt’s mal Zivilisten im Kugelhagel, aber hey, das sind Einzelfälle. Wir lassen das jetzt mal so laufen.

Da denkt der Bürger sich auch: Danke für nichts. Und reagiert dezent piefig, wenn von der nächsten Schießerei zwischen eben diesen MCs berichtet wird. Schon wieder? Tut da mal einer was gegen? Stellt die Clubs unter Beobachtung? Nimmt denen die Waffen weg? Irgendwas?

Wir blöden Bürger haben es so an uns, dass wir uns hier möglichst sicher fühlen möchten. Tut uns ja leid, aber wir zahlen immerhin einen Arsch voll Steuern und halten den Laden hier am Laufen. Wäre schön, wenn wir dafür keine Kugeln abkriegen würden. Okay?

Es ist auch ganz einfach: Haben wir das Gefühl, Polizei und Politik kümmern sich, dann sind wir still. Fühlen wir uns sicher und ernstgenommen, dann meckern wir gleich viel weniger.

»Ausländer«

Ich komme aus einer extrem toleranten Generation. Meine peer group hat sich für die Herkunft von Menschen nie wirklich interessiert. Das war auch nicht notwendig. Als ich jung war, konnte ich bis drei Uhr nachts mit meiner BFF durch die Nachbarschaft tigern, wir konnten gechillt Bus und Bahn fahren, schräg angequatscht wurden wir nur einmal von einer dementen Omi, die uns unter allen Umständen ein Eis aufdrängen wollte, und generell war das Leben ziemlich entspannt. Ich hatte nie Angst, dass ich oder meine Freunde Opfer eines Verbrechens werden würden. »Ausländer« gab’s, klar. Aber die waren ja nicht wirklich anders als wir. Als Kind haben mich mal zwei Türken vom Fahrrad geschubst und vor meinen Augen angefangen, mein Rad auseinanderzunehmen, aber das hätte auch der Ami in meiner Grundschulklasse mit seinen deutschen Anhängseln gebracht, hätte er die Chance dazu gehabt.

Das war damals.

2015+

2016 schrieb ich das Bahnfahren endgültig ab, weil ich den Bahnhof nicht überqueren konnte, ohne dumm angemacht und verfolgt zu werden. 2017 bin ich beim Joggen das erste Mal in eine Gruppe dunkelhäutiger Männer geraten, die mich mit blitzschnellem Einkreisen und unverständlichem Gegröle dermaßen in Panik versetzt haben, dass ich fluchtartig auf die Straße gesprungen bin. Auch 2017 hatte ich das erste lange Gespräch mit zwei Polizisten, die mir sagten, dass sie die ständige Ohnmacht, die Respektlosigkeiten und den Druck von oben, gottverdammt nochmal die Schnauze zu halten, wenn wieder Nicht-Deutsche in Verbrechen involviert waren, satt haben.

Und seitdem hat sich nichts zum Positiven verändert. Ich hatte Kontakt mit mehr Polizisten, Feuerwehrmännern und Rettungssanitätern, die unisono einen Verfall dokumentierten, der mir in der Seele wehtat. Weil das gute Leute waren, die ihre Jobs mal mit Feuereifer ausgeübt hatten – bis man anfing, ihnen dafür in die Fresse zu schlagen. Natürlich gab es Deutsche, die sich ihnen gegenüber beschissen verhalten haben. Aber an ihre Grenzen stießen diese Männer alle erst seit wenigen Jahren – immer wieder wegen eines Klientels, das sie in keinster Weise als Respektspersonen wahrnahm, sondern nur als Fußabtreter. Und wehe ihnen, wenn sie es wagten, den Mund aufzumachen.

Dass die Linksgrünen diese Menschen nun als Nazis verschreien, wenn sie die böse, rechtsextreme, rassistische und demokratiefeindliche AfD wählen? Das ist ihnen zurecht herzlich egal. Sie haben ihre Gründe. Und die können die gepuckerten und gepamperten #ichbinAntifas mit ihren süßen kleinen Bürojobs, die ihre klimaunfreundlichen Bratwürste und den Netflix-Account speisen, sowieso nicht nachvollziehen. Müssen sie auch nicht. Wozu?

Es geht niemandem darum, aus Spaß an der Freude Menschen zu diskriminieren. Parteiprogramme wie das der AfD sind nicht aus der Luft gegriffen, sondern Reaktionen auf politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Und wenn Menschen diese Partei wählen, dann ist das zu respektieren. Ich kann den Grünenwählern ja auch nicht einfach ihr Wahlrecht entziehen. C’est la vie. Nennt sich Demokratie.

Nachrichten

Wo nun Tag für Tag vom gefährlichen Rechtsruck geschwurbelt wird (wenn jeder Nichtgrüne direkt ein Nazi ist, dann sind wir natürlich auch schon eine ganze Horde), aber irgendwie kaum jemand die übrigen Probleme im Land ansprechen mag, nun, da ist es wenig verwunderlich, wenn Menschen wütend werden. Fakt ist, dass der denkende Bürger sich reichlich verarscht vorkommt, wenn auf sein Informations- und Sicherheitsbedürfnis geschissen wird. Nachrichten sollten eigentlich objektiv sein und der Verbreitung von Informationen dienen – nicht Meinungen. Nicht Haltung.

Darauf pfeifen unsere Öffentlich Rechtlichen nicht erst seit dem Framing-Manual. Da wird nach milderen Worten gesucht, da werden Bilder und Videos zurechtgeschnitten, da werden Fakten weggelassen, die den treudoofen Zuschauer aus seinem Kartoffelchips-induzierten Fresskoma wecken könnten.

Das kennen wir alles schon aus dem Geschichtsunterricht. Wir zumindest, die wir noch fünf Tage die Woche zur Schule gegangen sind.

Passiert nun so etwas Unaussprechliches wie in Frankfurt – nun, das ist wie bereits erwähnt ärgerlich.

Haltungsjournalismus

Wie gehen wir professionell haltungsjournalistisch mit so einer Sache um? Wenn schon alle so fürchterlich rechts sind – was machen wir dann mit Informationen, die Öl ins Feuer gießen könnten?

Normalerweise versucht man ja, die Herkunft des Täters zu unterschlagen. Das würde vielleicht funktionieren – würde man nicht so extrem auf deutsche Täter abgehen, dass man in diesen Fällen den mangelnden Migrationshintergrund fünfmal im Artikel und auf sämtlichen Social Media-Kanälen erwähnen muss. »Heinz Harald, seines Zeichens Deutscher, geboren 1959 in Deutschland, wohnhaft in Unterhaching in Deutschland…« Okay. Da ich hier in Deutschland gerade die deutschen Nachrichten verfolge und mich über ein Verbrechen auf deutschem Boden informiere, bin ich über deutsche Täter ja gemeinhin eher mäßig überrascht. Noch stellen wir Deutschen ja den Großteil der hiesigen Bevölkerung, ne?

Komisch wird’s nur, wenn der Täter im Artikel eigentlich gar keine Erwähnung findet. Im Falle der Tragödie in Frankfurt denkt man bei manchen Schlagzeilen, da wäre ein schrecklicher Unfall passiert und ein kleines Kind wäre beim Ballspielen am Bahnsteig ins Gleisbett gestürzt. Dass das für alle wie auch immer involvierten Personen ein respektloser und verleumnderischer Schlag ins Gesicht ist? Geschenkt. Es geht nicht darum, über ein schreckliches Verbrechen aufzuklären und das Leid des Kindes und seiner Mutter medial und menschlich (allzu oft schließen diese beiden Eigenschaften einander sowieso aus) zu transportieren. Der heutige Journalismus behandelt die Opfer solcher Taten vielmehr als nervige Schmeißfliegen, die es unverschämterweise wagen, ermordet, vergewaltigt oder sonstwie verletzt zu werden. Wir scheißen auf Opferschutz und puckern lieber die Täter. Armer Bub, was hat ihn nur dazu bewogen, so etwas zu tun?

Dieses chronische Abmildern und Umlenken und Relativieren, dieses krankhafte Übermitteln einer »aber dududu, du bist jetzt aber nicht böse mit den armen Ausländern«-Botschaft, das löscht keine Feuer. Es schürt sie. Es bringt sie sogar zeitweilig zur Explosion.

Gleichheit

Würde völlig neutral und auf dieselbe Art und Weise über jede Form von Verbrechen berichtet werden, so könnten die Menschen sich gnädigerweise auch einmal mit der Tat an sich befassen, ohne obendrein wegen schlechtem Journalismus Schnappatmung und Puls zu bekommen.

Wer die Debatten auf Twitter und Co. über den Mord an dem Jungen in Frankfurt verfolgt hat, wird eins festgestellt haben: Es geht in den Aufschreien nicht vordergründig um die Herkunft des Täters… Was die Menschen besonders zur Weißglut gebracht hat, war, dass wieder einmal mit zweierlei Maß gemessen wurde. Wo das journalistische Geschrei groß war, als zuletzt Schüsse auf einen Mann aus Eritrea zu vermelden waren, wo von Rechtsruck und Nazi-Apokalypse schwadroniert und der Täter verbal zerhackstückelt wurde (und das ja nicht zu Unrecht), da kräht heute auf einmal wieder kein Hahn nach dem Mörder des Jungen? Da philosophiert man zunächst noch darüber, ob seine Herkunft überhaupt erwähnt werden muss? Da ist die einzig brave und richtige Reaktion ein »jetzt aber nur nicht schlecht von den Flüchtlingen denken«?

Das Lächerliche ist ja: Angeblich lebt der Täter aus Frankfurt seit über zehn Jahren in der Schweiz. Der 2015er Zusammenhang hält sich damit in Grenzen. Nun sind das Informationen, die erst gesammelt werden müssen, und Schlagzeilen haben’s eilig. Dennoch: Würde hier einmal jeder Täter gleich verurteilt, einmal jedes Opfer gleich betrauert werden, so würden sich bedeutend weniger Leute verarscht und damit genötigt fühlen, verbal zu entgleisen.

Und die Instrumentalisierung?

Das, was Parteien und Anhängern bestimmter politischer Gesinnungen tagtäglich vorgeworfen wird – dass schlimme Ereignisse ausgenutzt werden, um die eigenen Einstellungen zu untermauern – das ist Quatsch. Auf ein Ereignis oder eine Tatsache Bezug zu nehmen, sie zu thematisieren und ins Gesamtbild einzubetten, ist keine »Instrumentalisierung«, sondern die Pflicht eines jeden Politikers. Wer wichtige Geschehnisse unter den Tisch fallen lässt und weitermacht wie bisher, der erfüllt seinen Job nicht. Nach Fukushima mit den Achseln zu zucken und Atomkraft Atomkraft sein zu lassen wäre auch nicht sonderlich gut angekommen, oder?

Kein Bürger fühlt sich sicher, wenn die, die ihn regieren wollen, keine Rücksicht auf seine Lebenswelt nehmen. Meine beste Freundin fährt regelmäßig Zug. Natürlich bekomme ich Angst um sie, wenn ich von derartigen Vorfällen wie in Frankfurt und Voerde höre. Eine Mutter fürchtet bei derartigen Nachrichten automatisch um ihren Nachwuchs. Ehemänner um ihre Frauen. Wir sind alle Menschen.

Wäre das vor den Zug gestoßene Kind nun farbig gewesen, wäre das Verbrechen schlimmer oder weniger schlimm gewesen? Nein.

Wäre der Täter nun Deutscher gewesen, hätte das den Schweregrad des Mordes verändert? Nein.

Aber die Berichterstattung wäre eine völlig andere gewesen. Und das erregt Übelkeit.

Und eigentlich sollte das hier alles sein, was gesagt werden muss:

Die Mutter, die Familie, alle Angehörigen, die haben leider überhaupt nichts von Beileidsbekundungen, so tief empfunden sie auch sein mögen. Mir bleibt nur, ihnen allen von Herzen unendlich viel Kraft zu wünschen. Mehr steht mir nicht zu.

Und jene Menschen, die den Täter verfolgt und gestellt haben: Die verdienen für ihre Zivilcourage verdammt viel Respekt! Wenn in dieser Tragödie etwas zeigt, dass die Gattung Mensch zu Gutem fähig ist, dann ihr beherzter Einsatz.

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