Hilfe bei psychischen Erkrankungen

Fun Fact gefällig?

Wenn ich sage: Psychische Erkrankungen sind kein Makel. Psychische Erkrankungen sind kein dunkelroter bis tiefschwarzer Fleck auf deiner strahlend weißen Weste. Psychische Erkrankungen sind nichts, was dir peinlich sein muss. 

Dann meine ich das so. 

Auf dich bezogen. 

Noch ein Fun Fact?

Ich renne, stolpere, torkele, falle, krieche jetzt seit bald 30 Jahren über diesen Planeten – und meine psychischen Erkrankungen sind für mich sehr wohl Makel, Fleck und Peinlichkeit

»Boah! Doppelmoral! Stell dich in die Ecke und schäm dich!«

Nope. Ehrlichkeit. Einfach nur ganz stumpfe Ehrlichkeit. 

Natürlich sind wir bei anderen Menschen ganz verständnisvoll. Natürlich würden wir Gen Y’ler nienienie jemanden mit Depressionen fertig machen, einfach, weil er Depressionen hat. Never ever. Ey, wir sind tolerant! 

Psychische Erkrankungen sind ja auch nicht gerade selten. Ich bin nicht die einzige mit Narben an Körperstellen, die sich leicht verbergen lassen. Ich bin nicht die einzige mit Monster im Kopf und Dämon im Herzen. Natürlich haben Mitleidende mein Mitgefühl. 

Ich aber nicht. 

Zwei Welten, zwei Maße

Menschen sind ziemlich gut darin, mit zweierlei Maß zu messen: Da gibt’s das eine Maß, das jede Anomalie aufs Tausendfache vergrößert, damit auch ja nichts Okayes, Hübsches, Tolles übrig bleibt. Und das »passt schon«-Maß. Das, wo die Fehler untergehen und einfach alles irgendwie klar geht

Manche haben den gesunden Umgang mit ersterem Maß erlernt und nutzen es wenig bis gar nicht mehr. Manche greifen immer auf »passt schon« zurück, wenn’s um die eigenen Unzulänglichkeiten geht, reiben dem Umfeld aber mit Begeisterung jeden eventuellen Makel unter die Nase. Und andere finden, dass der Rest der Menschheit wirklich total klar geht – betrachten die eigenen Fehlerchen, Spleens und Besonderheiten aber unterm dunkelschwarz gefärbten Vergrößerungsglas

Ich bin richtig, richtig gut in letzterem

Narzissmus und seine Folgen

Leider habe ich irgendwann sogar mal verinnerlicht, dass das total super ist. Ich war nämlich immer mit der Sorte Mensch konfrontiert, die die Fehler beim Gegenüber suchen, niemals jedoch bei sich selbst. Ha, und so war ich nicht! Halleluja! Ich war kein narzisstisches Arschloch! (Oder? Oder? Oder? – Darf ich vorstellen? Das ist meine ewige Angst. Nennen wir sie doch einfach Dietlinde.) 

Ist ja auch mal nett für andere, wenn da jemand ist, der bei jeder Kleinigkeit »okay, hier, meine Schuld!« ruft. My mistake. Pardonnez-moi. Ich nehm’s auf meine Kappe. Weil ich scheiße bin. 

Für Narzisstenarschlöcher ist das sogar ziemlich geil. Denen hab ich damit direkt in die Karten gespielt. 

Dietlinde trat mir auch sofort mit dem Pfennigabsatz auf die Zehen, wenn ich drohte, so was wie Selbstbewusstsein aufkommen zu lassen. »Bitte? Es ist nicht deine Schuld, dass Person A gerade Nasenbluten hat und Person B das dringende Bedürfnis verspürt, auszuwandern oder zumindest den Arbeitsplatz zu wechseln? Guck an, du suchst die Schuld wohl auch immer bei allen anderen, hm? Du bist es ja nie gewesen, hm? Du machst Menschen kaputt, weißt du das? Alle werden dich hassen, dich verlassen, weil du sie zerstörst, sie mürbe machst, ihnen das Leben aussaugst mit deinem Egoismus und deinem Ego und deiner Weigerung, Verantwortung zu übernehmen!« 

Du darfst gern über Dietlinde lachen. Eigentlich ist sie die dumme Bitch in Stöckelschuhen, die mit ihrer aufdringlichen Art, ihren ungefragten Zwischenrufen, pietätlosen Kommentaren und der Aura aus Panik, Zorn und Traurigkeit, die sie umgibt wie Nuttendiesel, längst überall Hausverbot kassiert hat. Zurecht. Nur ich Depp hab halt anscheinend die Tür nicht richtig zugemacht. 

Open
»Hier entlang, bitte…«

Deine Liebe tangiert meinen Selbsthass äußerst peripher

Tja. Aber wie ist das wohl für nicht-narzisstische Menschen, die mich (aus für mich unerfindlichen Gründen) mögen? Wie ist das für die – so ein Leben mit sich, mit mir und mit Dietlinde?

Die werden wirklich mürbe. 

Für die ist das die Vollkatastrophe. Weil du mit einem Menschen, der sich selbst so abgrundtief hasst, der sich so hart verurteilt, dass er der Überzeugung ist, er hätte den Sauerstoff nicht verdient, den er atmet – mit so einem Menschen kannst du keine Art von Beziehung führen. Ich rede nicht einmal von Partnerschaften: Ich rede von Freundschaften. 

»Ich kann dir millionenfach sagen, was du mir bedeutest – glauben würdest du’s mir nur, wenn ich dir sage, ich hasse dich

Ja, dieser Satz galt mir. 

Mir, die ich tagtäglich Leuten erzähle, dass sie gut sind, wie sie sind, dass sie sich nicht fertig machen sollen, dass sie ein Recht auf Glück und Zufriedenheit haben und dass sie so, so viel erreichen können in dieser Welt. 

Ich glaube das komplett. 

Ich glaube das nur nicht für mich

Denn ich hab halt Dietlinde. Ich habe weder Glück noch Zufriedenheit verdient. Ich bin Abschaum. Ich werde nichts und niemanden in dieser Welt jemals erreichen. 

Ich sollte sterben

Ich sollte ganz, ganz dringend sterben. 

Wow, die Welt würde aufatmen

Das größte Problem der Menschen um mich herum? Das bin ich!

»Krank«

Deswegen habe ich versucht, mich umzubringen. 

Für alle anderen.

Und dann waren die Penner nicht einmal dankbar! 

Natürlich weiß ich, dass Dietlinde die Personifizierung von Borderline, Depression und Angststörung ist. Natürlich weiß ich, dass ich krank bin. 

Aber warum denn ich? 

So schlimm war’s doch damals alles nicht. Ich stelle mich nur wieder an. Ich bin halt schwach. Bla, bla, bla. Steht mir doch nun wirklich nicht zu, krank zu sein.

Ist bestimmt alles nur Einbildung. Ich bin einfach bescheuert. Ich bin scheiße. (Ja! Ja! Ja!)

Wenn die Kollegen das alles wüssten. Die würden sich wünschen, es hätte geklappt. Die würden sich wünschen, ich wäre einfach verreckt. Ganz sicher. 

Meine Freunde. Pha. Die haben längst die Schnauze voll von mir. Geben sich immer solche Mühe und ich bin trotzdem immer noch kaputt. Wie frustrierend für die. 

Meine Familie. Völlige Ratlosigkeit. »Was stimmt denn nicht mit der? Ich hab mir doch immer so eine Mühe gegeben!« Ja, ja.

Womit haben die das (mich) nur verdient? Wieso müssen die das (mich) ertragen? 

Choose your character: Kind oder Erwachsener?

Zurück zu den Fun Facts: Es ist schon so, dass der Großteil unserer kleinen und großen Defekte aus Kindertagen herrührt. Manche Erfahrungen blockieren uns dermaßen, dass dadurch bestimmte Reifeprozesse unterbrochen werden. Und deswegen sehen wir bestimmte Dinge auch Jahrzehnte später noch aus den Augen eines kleinen, wehrlosen und verletzten Kindes

Kind
»Ich spiel nicht mehr mit. Hmpf.«

Dietlinde ist ungefähr fünf oder sechs Jahre alt, trägt zu große Schuhe, in denen sie nicht laufen kann, spricht von Sachen, von denen sie überhaupt keine Ahnung hat und impft mir die Weltsicht eines schutzlos ausgelieferten Neugeborenen ein, das versehentlich ins Wolfsgehege fallen gelassen wurde. 

Das einzige, wofür ich bisher in meinem Leben keine Verantwortung übernommen habe, war mein eigenes Wohlbefinden. Dadurch, dass ich mir das niemals erlaubt habe, bin ich zerbrochen. 

Das Geile ist: Ich bin kein Kind mehr. 

Und ich hab Sekundenkleber. 

Hilfe bei psychischen Erkrankungen

Das hier ist so scheißpersönlich, dass ich es unter normalen Umständen niemals irgendwo veröffentlichen würde. 

»Darüber spricht man nicht.«

Das Ding ist: Das Problem, das ich habe – dass ich mich selbst stigmatisiere, mich selbst klein halte, mir einrede, es wäre schon gut und richtig, dass ich leide (denn, ja, das tue ich) – das Problem haben auch andere. Viele andere.

Die denken genau wie ich immer: Therapie? Pha. Ne. Nicht für mich. Gibt’s nicht. Wirkt nicht. Bringt nichts. Nicht bei einem Fall wie mir. 

Das ist Blödsinn.

Da greift aber kein schnell verschriebenes Antidepressivum. Da greifen keine Selbsthilfebücher mit Blümchen auf dem Einband, keine Blogs von veganen 16-Jährigen, auch keine Blogs wie dieser hier oder bunt bebilderte feel good-Artikel in irgendwelchen trendy Illustrierten.

Das Monster im Kopf und das schreiende Blag im Herzen, die brauchen sehr wohl Therapie.

So eine Dietlinde macht einem das Leben zur Hölle. Und das muss so nicht sein. Das soll so nicht sein.

So eine Dietlinde geht aber nur weg, wenn da jemand ist, der sich mit dir persönlich beschäftigt. Der dir immer wieder Zeichen gibt, wenn das Kind den Erwachsenen verdrängt. Der dich auch mal anschnauzt, wenn du zum hundertsten Mal dieselben dummen negativen Glaubenssätze raushaust, ohne sie endlich mal zu hinterfragen

Wenn die Therapeuten in deinem Umkreis Wartelisten bis ins nächste Jahrzehnt angeben: Ruf bei deiner Krankenkasse an. Die können dich beraten. (Wenn du nicht anrufen kannst: Lass anrufen. Hauptsache, es wird etwas unternommen.) 

Über die kassenärztliche Vereinigung gibt es die Möglichkeit, relativ zeitnah einen Termin für eine psychotherapeutische Sprechstunde zu bekommen. Bei Bedarf kann dir dabei durch den Therapeuten ein Akutrezept ausgestellt werden: Das sind immerhin 12 Einheiten à 50 Minuten (oder 24x 25 Minuten), die du mit etwas Glück auch direkt als Anschlussbehandlung bei diesem Therapeuten bekommen kannst. Das ist ein riesengroßer und unendlich wertvoller erster Schritt!

Versuch das. Geh’s an. 

Ohne Dietlinde und ihre Sippe ist das Leben so viel lebenswerter!

Ein Kommentar zu “Hilfe bei psychischen Erkrankungen – »für alle, nur nicht für mich«?”

  1. oh ich kenne dietlinde. wenn auch ein bisschen anders. aber auch genau so. sie hat verschiedene gesichter. ich kenne sie von mir und von anderen menschen. es treibt einen zur verzweiflung, als betroffener, als angehöriger. trotzdem sage ich dir an dieser stelle nochmal, was du bestimmt oft genug gehört hast, was vielleicht nicht hilft, was man dennoch nie oft genug sagen kann: niemand wünscht sich, dass nicht mehr da bist. das leben wird dadurch für niemanden, der dich mag, leichter. nur für den fall, dass du das jemals wieder denken solltest möchte ich es hier in virtuellen stein meißeln.

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