Wie willst du in Zukunft arbeiten? Kurze Antwort: Ohne Angst.

Spring mit mir zehn Jahre weiter. Stell dir deinen ultimativen Job vor. Das, womit du Geld verdienst. Das, womit du den größten Teil deiner Zeit verbringst. Das, was dein Leben finanziert – aber auch das, wonach du deinen Alltag ausrichtest, deine Zeit einteilst, deine Prioritäten setzt. Deinen Dreh- und Angelpunkt.

Wie sähe dieser Job für dich aus, sollte er perfekt sein? Dich voll erfüllen? Glücklich machen?

Wenn du mir heute sagen kannst, wie genau du in zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren arbeiten wollen wirst: Wow. Für mich wäre das krass.

Denn, ganz ehrlich? Ich kann das nicht.

Und das ist okay für mich.

»Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?«

Ich gebe zu, meine Bewerbungsgespräche bisher liefen nie ganz nach Lehrbuch. Ich wollte einen bestimmten Job, habe mich vorgestellt, und dann hatte ich ihn eben. Ich war in dieser Hinsicht immer ein »jetzt«-Mensch: Solange ein Job für mich klar geht, mache ich ihn. Sobald er’s nicht mehr tut, suche ich mir einen anderen. Im Gesundheitswesen wird man immer irgendwo gebraucht. Mit Studium und Berufserfahrung in der Tasche, jung und ungebunden wie ich bin, ist die Stellensuche kein großes Ding.

Entsprechend musste ich mich nie durch Ratgeber für Vorstellungsgespräche wühlen und bekam nie wirklich das gefürchtete Bataillon an Standardfragen gestellt. Was gut ist. Denn, ja: Ich hätte natürlich lügen müssen.

Ich mag meinen Therapeutenjob. Ich bin gern am Patienten. Ich helfe gerne. Neurologie ist geil.

Das Gesundheitssystem ist scheiße. Dadurch entstehen Spannungen. Die zehren an den Nerven. Und ruinieren dir mit Pech das gesamte Arbeitsklima.

Zwei Seiten der Medaille. Immer und überall.

»Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?« »Vielleicht immer noch hauptberuflich in diesem Job. Wenn der Rest der Menschheit mir bis dahin nicht zu sehr auf den Sack geht.«

Kommt vielleicht nicht ganz so gut, hm?

Tempora mutantur: Zeiten ändern sich – Wozu sich ewig binden?

Dino
Was soll das heißen – »ausgestorben«?!

Es ist ja so: Zeiten ändern sich. Menschen ändern sich. Ich ändere mich.

Als Teenager war ich dermaßen zerfressen von Depression und Angststörung, dass ich mir so etwas wie eine Zukunft nie vorstellen konnte. Ich wollte niemals 20 werden. Niemals 25. Niemals 30. Als hochfunktionaler Typus habe ich natürlich das 1er-Abi hingelegt und bin an die Uni gegangen, als wäre absolut alles tutti, aber innerlich? Bis 21 war ich ein menschlicher Totalausfall.

Nun entwickeln wir uns aber glücklicherweise alle weiter. Ich bin immer noch ein chronischer Grübler und stelle die Frage nach dem Warum vielleicht ein bisschen zu exzessiv… Aber ich bin hier und ich bleibe hier und ich nutze meine Zeit, um etwas zu reißen.

Mit Menschen zu arbeiten ist meins. Das befriedigt mein Helfer-Syndrom, macht mich happy und gibt mir das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Ich bin realistisch genug, um zu wissen, dass wir nicht alle vom Strand in Barcelona aus unsere kleinen Online-Businesses führen und als »Hamsterrad-Flüchtlinge« das Zepter schwingen können (und müssen). Ich hab’s auch nicht so mit Barcelona. Ich komme wunderbar damit klar, »angestellt« zu sein, solange man mich dabei machen lässt, was ich für richtig halte. Und ja, das geht in meinem Job. Kann ich mir also aktuell vorstellen, den noch eine Weile zu behalten? Jep.

Der springende Punkt ist der: Darauf festnageln lasse ich mich nicht. Und das ist heutzutage glücklicherweise auch nicht mehr nötig.

Bist du loyal – oder fehlen dir nur die Alternativen?

Mein hauptsächliches Klientel ist im Schnitt noch Baujahr 1935 bis ’50. Die haben ihr Leben lang einen Job gemacht. Mussten vielleicht einmal umsatteln, okay. Aber den Satz »ich war 40 Jahre lang im selben Betrieb«, den höre ich verdammt oft. Mein bester Kumpel ist ein Stückchen älter als ich – der schafft’s bald auf 30 Jahre in ein und demselben Unternehmen. Wenn auch mit wechselnden Berufsbezeichnungen und Arbeitsorten – aber er war länger bei diesem Konzern als ich Lebensjahre auf dem Buckel habe.

Jetzt denkt man sich natürlich: Ja, geil, dann hat der ja auch regelmäßig seine Gehaltserhöhungen bekommen. Seine Loyalität muss sich ja ausgezahlt haben. Klar, da bleibt man gern.

Ähm… Nope.

Nach 25 Jahren war tariflich Schluss mit Lohnerhöhungen. Besagten Tarif gibt’s heute nicht einmal mehr. Er ist einer mit gefürchtetem »Altvertrag« – das heißt, er kostet das Unternehmen eh schon mehr als die jungen Hüpfer, die heute mit frei verhandeltem (für die Unwissenden, das heißt: miesem) Gehalt eingestellt werden. Natürlich ist er genial in seinem Job. Aber es geht hier um Kosten, ne? Im Kern wär’s dem Konzern lieber, er ginge und würde durch jemand schlechteren, aber gleichzeitig billigeren ersetzt werden.

Wie gut sind da wohl seine Chancen für mehr Geld in den letzten Arbeitsjahren? Für so etwas wie Wertschätzung für die ganze Loyalität, die er bewiesen hat?

Zero.

So jung und ungebunden, dass er sich locker flockig etwas anderes suchen könnte, ist er heute halt nicht mehr. Das weiß sein Arbeitgeber natürlich auch. Ziemlich gutes Druckmittel!

Das ist der Klassiker. Frage ich meine anderen betriebstreuen Seelen, wie’s so war, so lange im selben Job zu bleiben, kommt immer: »Na ja, früher oder später kommt man da auch einfach nicht mehr raus. Man muss ja die Familie ernähren.«

Absolut verständlich, oder? Man fährt die sichere Schiene. Man macht das eben so. C’est la vie.

Der normale Lauf der Dinge: Druck, Zwang, Burn out

Schnecke auf Reifen
Leben am Limit.

Tatsächlich war es genau das, was mir als Teenager schon Angst gemacht hat. Diese Stahlketten, die man sich mit der Wahl eines Berufes anlegt, haben mir schon im Voraus die Kehle zugeschnürt. Gehste arbeiten? Cool. Leben ist vorbei. Versackst in einem bestimmten Job. Fürchtest den Rest deiner Tage, eben den zu verlieren. Und dann dein Leben nicht mehr auf die Reihe zu bekommen.

Aus Arbeitgebersicht ist diese Denkweise wunderbar. Die Angestellten sind brav, mucken nicht auf, ziehen bei Konfrontation den Schwanz ein und sagen zu allem Ja und Amen. Hauptsache, sie verlieren ihre Stelle nicht.

Für den Arbeitnehmer dagegen? Sehr, sehr ungesundes Weltbild. Wir arbeiten heute nicht mehr wie vor 30 oder 40 Jahren. Wir checken nicht um 16 Uhr aus und gehen nach Hause. Wir sind heute immer erreichbar, allzeit abrufbereit, mit allem und jedem vernetzt und damit kaum noch in der Lage, den Job einfach Job sein zu lassen. Es könnte immer jemand anrufen. Immer jemand eine WhatsApp schreiben. Und natürlich muss man dann reagieren. Natürlich muss man springen. Hey, es geht um deine Lebensbasis!

Und für uns alle? Egal, um welche Art Unternehmen es sich handelt – betroffen ist davon irgendwie jeder. Sobald’s nur noch um Kohle geht, leiden die Arbeitnehmer, woraufhin deren Leistungen leiden, woraufhin die Kunden leiden, die aber dennoch immer mehr bezahlen sollen. Die wenden sich wutschnaubend an die Geschäftsleitung. Die verzeichnet die Beschwerden – und weniger Geld. Folge: Kündigungen diverser Arbeitnehmer – Gehälter sparen. Und die übrigen fleißigen Bienchen unterm Pantoffel? Die werden noch mehr gedrillt, haben noch mehr zu arbeiten, schieben noch mehr Panik, können noch weniger leisten.

Fun Fact: Im Gesundheitswesen geht’s übrigens um Menschenleben. Ist ein bisschen kritisch, was da so abgeht.

Liebe Arbeitgeber: Ihr habt uns nicht mehr in der Hand!

Die eine Sache, die ich mir für unser aller berufliche Zukunft wünsche, ist: Arbeit ohne Angst.

Wenn keiner von uns die Eier hat, bei Problemen aufzustehen und Stopp zu sagen, dann können wir genauso gut schon jetzt freudestrahlend zur nächsten Klippe hechten. Das Problem dabei ist, dass wir Menschen besser darin sind, uns untereinander die Köpfe einzuschlagen, als einfach mal geschlossen zusammenzuhalten. Auch das finden Arbeitgeber gemeinhin ziemlich super. Denn einen, der aufsteht, den kann man »gehen lassen«. Steht der ganze Mitarbeiterstab auf? Bisschen unwirtschaftlich, den mal eben im Ganzen zu feuern. Muss man wohl doch mal zuhören, hm?

Dass wir 40 Jahre weiter sind als viele meiner Patienten, hat auch Vorteile. Wir sind vielleicht im virtuellen Spinnennetz gefangen – aber: Wir können unsere eigenen Fäden viel, viel weiter spinnen. Wir können uns einfacher weiterbilden. Uns neue Kenntnisse aneignen. Vielleicht vollkommen umlernen. Ohne Umzug. Wir haben den Austausch mit anderen – weltweit. Wir können uns ohne großes Kapital selbstständig machen, indem wir online verkaufen, was wir gut können. Es gibt neue Wege, an Geld zu kommen. Menschen probieren immer neue Dinge – und lassen für immer mehr und immer andere Dienstleistungen Kohle springen. Selbst wenn derartige Verdienste eine Vollzeitstelle in einem Unternehmen nicht immer aufwiegen können: Du kannst dir Polster ansparen, etwas dazuverdienen, dich unabhängiger machen. Angst abbauen. Mut und Selbstvertrauen gewinnen. Weil du mehr kannst, als zu buckeln.

Was wir in den letzten Jahrzehnten dazugewonnen haben, sind Möglichkeiten. Und Möglichkeiten machen frei. Wenn du sie nutzt. Du bist nicht mehr nur von einer Handvoll Menschen abhängig, die deinen Lohn überweisen. Du kannst Dinge selbst in die Hand nehmen. Aktiv werden. Selbstbestimmter leben und arbeiten.

Es geht nicht darum, dass wir die Strände von Barcelona sprengen. Es geht um Selbstwert und Selbstvertrauen und darum, dass wir mutig für etwas einstehen können. Darum, anderen das Druckmittel zu nehmen, das uns schon viel zu lange die Kehle zugeschnürt hat.

Es geht darum, im Zweifelsfall einfach den Mittelfinger zu heben. Ohne Herzklabaster.

Katze
Fang ich mir die Mäuse eben selbst.

Die Arbeit der Zukunft? Du entscheidest selbst!

Vielleicht bin ich in zehn Jahren immer noch Vollzeit in meinem Gesundheitsberuf unterwegs und helfe meinen Patienten. Vielleicht habe ich auch Stunden reduziert oder bin ganz aufs Schreiben umgestiegen – denn, ja, auch damit verdiene ich Geld. Auch das erfüllt mich.

Der springende Punkt ist: Ich such’s mir aus. Ich sage Stopp.

Natürlich denke ich an morgen und übermorgen und überübermorgen – aber Buckeln ist verdammt out of date. Das müssen wir nicht mehr. Und das sollten wir auch nicht mehr. Um unser aller Willen. Dafür lauern zu viele Alternativen an jeder Ecke. Wir müssen nur hinsehen.

Und, hey, wo ich beim Sehen bin: Guck dir mal die Blogparade von Sladjan (alias: dem Karriereboss) an, für die dieser Artikel entstanden ist. Denn da findest du noch ein paar mehr Zukunftsvisionen, die klar zeigen, dass wir das Gestern im Gestern belassen und nach vorne blicken sollten. In eine selbstbestimmtere, flexiblere Zukunft. Für jeden von uns.

Sei mutig!

4 Kommentare zu “Im Hamsterrad gefangen auf schlimmer und ewig? Von wegen!”

  1. Wow ein wirklich toller Beitrag! Informativ und unterhaltsam und hey, danke für die persönlichen Einblicke in dein Leben! Ich muss sagen, ich hatte einen ziemlich ähnlichen Werdegang wie du, daher kann ich deine Erfahrungen gut nachvollziehen. Wie du richtig sagst, alles hat eben zwei Seiten. Aber ja, man sollte mutig sein, schließlich hat man nur ein Leben und ich für mich habe zumindest entschieden, dieses nicht ausschließlich auf meinen Job auszurichten, auch wenn ich das Glück habe einem nachzugehen, der mir große Freude macht. Ob ich ihn deshalb bis an mein Lebensende machen werde? Bestimmt nicht. Denn ja, wir verändern uns und unsere Bedürfnisse auch und solange wir die Chance dazu haben, selbst zu entscheiden wohin unser Weg gehen soll, sollten wir uns diese Freiheit auch nehmen!

    Liebe Grüße, Kay.
    http://www.twistheadcats.com

    1. Vielen lieben Dank dir! Ganz genau, ich denke auch, wir sollten die Chancen, die sich uns bieten, viel mehr ergreifen, statt sie ziehen zu lassen und es später zu bereuen. Es ist nichts in Stein gemeißelt!
      Liebe Grüße zurück!
      Zoë

  2. Hi,

    deine Einstellung gefällt mir: Arbeit ohne Angst. Schon 2 Mal war ich in der Situation, dass ich mich mit dem Team zusammengeschlossen und gegen Ungerechtigkeiten im Betrieb rebelliert habe – mit Erfolg.

    Von nix kommt nix und man darf den Kampf nicht aufgeben, bevor er überhaupt begonnen hat.

    Ein sehr guter Artikel.

    Viele Grüße
    Sladjan

    1. Hi,

      danke für deinen Kommentar! Super, dass ihr im Team zusammengehalten habt. Ganz oft lässt sich so eben doch etwas erreichen – mehr als durch chronische Passivität und Meckerei im stillen Kämmerlein!

      Liebe Grüße
      Zoë

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