Lass mir meine Worte

»Mach das nicht! Bitte!« Sie biss sich auf die Unterlippe und kämpfte die Tränen zurück. Ihr Herz pochte ihr in der Kehle, stahl ihr den Atem. Sie verstand nicht. Sie verstand überhaupt nichts.
Tim lachte mechanisch. In seinem Blick war Eis. »Ach, schau an. Du kannst ja doch noch sprechen.«
Die Flammen züngelten nach dem Papier in seinen Händen. Er hielt ihr Leben in die Höhe, wirbelte es durch die Luft und drohte, es dem Feuer zum Fraß vorzuwerfen.
»Das braucht es also, damit ich deine Aufmerksamkeit bekomme?«
»Du hast meine Aufmerksamkeit«, sagte sie. »Und jetzt hör auf. Bitte!«
»Ich muss wohl dankbar sein, dass du dich überhaupt noch dazu herablässt, mit mir zu reden.« Er spuckte die Worte aus wie Gift.
Mia konnte nur den Kopf schütteln. Hitze brannte hinter ihren Augen, brachte sie zum Überlaufen und bahnte sich Wege über ihre Wangen. »Was willst du denn?«, fragte sie. »Was zum Teufel willst du denn?«
»Ich will dich wiederhaben!«
Es war das erste Mal in elf Jahren, dass er sie anbrüllte.
»Du hast mich doch.« Ihre Stimme zitterte. Sie konnte den Blick nicht von den Papieren und Notizbüchern in seinen Händen abwenden.
»Ich habe deine Hülle. Du selbst bist ganz woanders«, sagte er. Seine Augen wurden feucht.
»Wie meinst du das?«
»Du bist hier, sitzt hier, aber du hörst mich nicht, wenn ich mit dir spreche. Du siehst mich nicht. Du nimmst mich überhaupt nicht wahr. Mich nicht, gar nichts. Du siehst nur, was du schreibst!« Er gestikulierte, ließ ihr Teuerstes durch die flimmernde Hitze über dem Feuer sausen, und die Angst fraß sich durch ihre Brust.
»Pass auf!«, schrie sie – und bereute es sofort.
Tim explodierte. »Siehst du! Ich rede mit dir, verdammt! Und du? Du schiebst Panik, dass deine dämlichen Geschichten Feuer fangen!« Er trat gegen die eiserne Feuerschale, ließ die Flammen in die Höhe springen. »Deine beschissenen Worte sind dir wichtiger als ich!«
Die dämlichen Geschichten ließen sie zurückzucken wie ein getretenes Tier. Sie schüttelte den Schmerz ab. »Das ist nicht wahr«, winselte sie, »das ist einfach nicht wahr!«
»Ach nein? Es ist, als ob du überhaupt nicht da wärst! Du bist eine gottverdammte Maschine! Du bist mit deinem verfickten MacBook verwachsen, deine Finger mit der Tastatur, und wenn du endlich den Computer weglegst, dann hast du einen Stift in der Hand! Das ist krank, Mia! Du bist krank!«
»Ich bin nicht krank! Du verstehst mich einfach nicht! Das Schreiben ist mein Leben! Warum verstehst du das denn nicht?«
»Das Schreiben ist dein Leben?«
Sie hatte ihn erst einmal zuvor weinen sehen.
»Das Schreiben ist dein beschissenes Leben?«
»Ja! Was zum Teufel ist daran so schlimm?« Jetzt war sie es, die schrie.
»Du warst mein Leben, Mia! Du warst mein Leben – doch alles, wofür du Augen hast, sind diese armseligen Aneinanderreihungen von Buchstaben!«
Etwas zwischen ihnen war so unwiederbringlich zerbrochen, dass das Bersten durch die halbe Nachbarschaft geschallt sein musste, lauter noch als ihr Geschrei. Einen Moment lang schwiegen sie beide. Staunten über die Kluft zwischen ihrer beiden Herzen.
»Leg meine Bücher hin. Bitte«, sagte sie dann.
Tim schüttelte den Kopf. »Was ist nur aus dir geworden?«, fragte er leise über das Knistern der Flammen hinweg. »Wann ist das mit dir passiert?«
»Ich war schon immer so.«
»Nein, warst du nicht.« Er zögerte. »Es ist wegen ihm, oder? Seitdem hast du dich immer weiter von mir entfernt.«
Sie verzog das Gesicht. »Nein.«
»Was schreibst du?«, fragte er plötzlich. »Was schreibst du da? Das sind nicht nur Geschichten, oder? Worüber lässt du dich aus?«
Mia antwortete nicht. Sie schüttelte bloß den Kopf. Versuchte, den Gedanken an das, was sie verloren hatte, zu vertreiben.
»Es ist über mich, oder?« Es war weniger eine Frage als eine Feststellung. Tim sah mit hängenden Schultern ins Feuer. Er weinte wieder. »Du hast mir immer die Schuld an der Fehlgeburt gegeben«, sagte er.
»Gib mir meine Notizbücher.«
»Nein.«
Er starrte mit solcher Traurigkeit auf ihr Geschriebenes in seinen Händen, dass es ihr die Kehle zuschnürte.
»Wenn ich jetzt gehe, dann ist es für immer«, sagte Tim. »Dann bin ich weg. Es wird kein Zurück mehr geben.«
Mia sah ihn an, runzelte die Stirn, wartete.
Er warf ihr einen resignierenden Blick zu. Als wüsste er längst, was passieren würde. Dann ließ er ihre Bücher in die Flammen fallen und machte kehrt.
Während seine schweren Schritte sich langsam in Richtung Haus entfernten, hechtete Mia zu der eisernen Feuerschale, über der Tim nur Stunden zuvor das Abendessen gegrillt hatte. Sie stürzte ins trockene Gras und griff mit nackten Händen in das tanzende Inferno. Sie spürte keinen Schmerz – zumindest nicht durch die Flammen, die gierig ihre blasse Haut verbrannten. Es war ihr Innerstes, das Qualen litt, als sie heulend und tobend in der Asche ihrer Erinnerungen, Träume und liebsten Illusionen wühlte. Die Fetzen, die sie barg und auf den Rasen warf, zerfielen zu schwarzgrauem Nichts, bevor sie das Gras in Brand setzten. Als das Feuer endgültig Besitz von ihr ergriff, war schon lange nichts mehr übrig von dem, was Mia noch am Leben erhalten hatte.

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