Morgenroutine

Morgenroutinen. Jeder erfolgreiche Mensch hat eine. Hast du keine, bist du nix!

Wenn du dich mit dem Thema Produktivität beschäftigst, stolperst du früher oder später zwangsweise über den Tipp, dir eine gute Morgenroutine zuzulegen. Zwei Stunden früher aufstehen und Sport treiben zum Beispiel. Danach einen großen gemischten Salat mit 8 Gläsern Wasser in gemütlichem Tempo wegschnabulieren. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur 50 Kilometer entfernten Arbeitsstätte, der Bewegung zuliebe. Und dort deine feinsäuberlich vorformulierte To Do-Liste von 234 Punkten abarbeiten.

Dass der normalsterbliche Arbeitsesel zugunsten dieser lebensnotwendigen Routine um 2 Uhr nachts aufstehen müsste, ist dabei natürlich irrelevant. Um 19 Uhr ins Bett gehen, heißt die Devise!

Versteh mich nicht falsch: Routinen sind großartig. Wenn sie dich weiterbringen. Gesunde Gewohnheiten lassen sich antrainieren. Irgendwann gehen sie dir sogar so in Fleisch und Blut über, dass du gar nicht mehr groß darüber nachdenkst. Sie gar nicht mehr groß als anstrengend empfindest.

Leider kann das je nach Gewohnheit sehr lange dauern. Auf Kleinigkeiten mag vielleicht noch die gute alte 21-Tage-Regel zutreffen – aber ganze Routinen? Die zu verinnerlichen, kann Monate dauern. (Laut einer Studie von Lally und Kollegen zwischen 18 und 254 Tagen. Eine ganz schöne Spanne, oder?) 1

Und welche Routinen es schlussendlich wert sind, automatisiert zu werden – das kann dir kein schlauer Ratgeber im Internet verraten.

Hauptsache, beschäftigt: »Meine To Do-Liste ist länger als deine!«

Tatsächlich liegt unter uns Menschen busyness ganz schwer im Trend. Bei allem #yolo und #chillax: Richtig cool sind wir nur, wenn wir unentwegt beschäftigt tun. Produktivitätstools boomen bis heute.  Gestern Filofax, heute Bullet Journal, morgen die neueste Getting Things Done-App: Wir stehen drauf, möglichst viel Zeug in unsere Organizer zu schreiben, um möglichst busy zu sein. Zeit, um die Seele baumeln zu lassen? Nicht trendy. Oftmals fühlen wir uns sogar mies, wenn wir dann doch einfach nur Katzenvideo bei Facebook anschauen oder bei Shopping Queen auf dem Sofa dösen. 2

Auf der einen Seite: Klar, wir schaffen was. Das ist gut. Wir erledigen unsere Arbeit, erfüllen unsere Pflichten, sind verantwortungsbewusst und funktionstüchtig. Wir herrschen ein kleines bisschen über unser Chaos und reden uns ein, wir hätten die Kontrolle.

In einem Grundlagen-Werk der Produktivität – Getting Things Done von David Allen* – steht bereits im Vorwort der Satz: Anxiety is caused by a lack of control, organization, preparation and action. Keine Kontrolle, keine Organisation, keine Vorbereitung, kein Handeln – und uns steht das P in den Augen. Kennt man, oder?

Das Ding ist nur: Unser Wahn, immer mehr zu tun, immer mehr zu planen und zu handeln, nur, um beschäftigt zu sein, der tut uns schlussendlich auch nicht gut.

»Kein Frühaufsteher? Loser!«

Die hochgelobten Morgenroutinen verkommen mehr und mehr zum Symptom dieser »Mach was! Mach ganz viel davon!«-Bewegung. Wer morgens nicht schon die Welt rettet, gilt als faule Sau. Was mit einem vernünftigen »trink nach dem Aufstehen zwei Gläser Wasser« begonnen hat, ufert aus und mutiert zum Marathon von Allgemeinposten: Sport ist gut, also treib morgens welchen. Nahrungsmittel X ist gut, also iss morgens davon. Lern meditieren und mach das jeden Morgen eine halbe Stunde lang. Mach morgens einfach alles, was irgendwie gut ist. Lass weg, was irgendwie schlecht ist.

Morgen-Kaffee
»NEIN! TU’S NICHT!« – Kaffee? Böse. 

Die Sache ist die: Niemand kennt dich so wie du dich selbst. Niemand kann dir sagen, was für dich gut ist,

Ich bin beispielsweise jemand, der erst ab einer bestimmten (späten) Uhrzeit wirklich kreativ wird. Wenn ich müde werde, schalten die Teile meines Systems, die mich hemmen, ab. Ich kann dann aufblühen und mental auf dem Tisch tanzen. Ab 20 Uhr bin ich in der Lage, meinen Flow zu finden.

Und ja, das nutze ich. Ja, auch wenn ich morgens um 7:30 Uhr auf der Arbeit gefordert bin, lasse ich mein Hirn abends noch ein bisschen Party machen. Und wenn der Flow da ist? Dann surfe ich diese Welle auch bis 2 Uhr nachts.

Wenn ich frei habe, hole ich den Schlaf der Woche nach, der mir in meinen nächtlichen Kreativsessions abhanden gekommen ist. Frühaufstehen mag im Trend liegen: Ich mach’s trotzdem nicht. Es bringt mir nämlich nichts.

Ebenso wenig wie Frühsport. Ich hasse es, mit leerem Magen laufen zu gehen. Ich fühle mich dann wie ein Betonklotz auf Beinen. Kein Freiheitsgefühl. Kein so ausgeprägtes Runner’s High. Mehr so ein »du kannst mich mal, Welt«. Home-Workouts am frühen Morgen: Ein Graus. Die Zeit, die ich verstreichen lassen muss, bis meine Gesichtsfarbe sich normalisiert hat, damit ich nicht geneigt bin, vor Arbeitsanstritt in Make up zu baden? Die verbringe ich doch lieber mit schlafen.

Was zählt für dich?

Das heißt nicht, dass konsequentes Frühaufstehen samt morgendlicher Sportsession für dich falsch sein müssen. Es bedeutet nur, dass dir niemand sagen kann, wie du deine Zeit nach dem Weckerklingeln zu nutzen hast. Es gibt nie die Morgenroutine für jedermann.

Auf https://mymorningroutine.com/ kannst du lesen, was diverse erfolgreiche Autoren, Moderatoren oder CEOs morgens tun: Ein paar treiben durchaus Sport, ja. Aber die meisten können ihren Vormittagsplan problemlos in drei Sätzen beschreiben. Weil die auch nicht allmorgendlich den Welthunger besiegen.

Biker
Rare footage: Meine tägliche Morgenroutine.

Eigentlich plaudern die nur aus dem Nähkästchen. Erzählen von ihrem Sheltie. Ihren Kindern. Wie ihr Ehepartner ihnen Herzen in den Milchschaum ihres Kaffees malt.

Und das wiederum finde ich großartig. Weil diese Menschen ein Bewusstsein dafür demonstrieren, was ihnen persönlich im Leben etwas bedeutet.

Meine Routine: Herzmenschen und Mindbooster

Ich bleibe morgens immer noch kurz liegen, einen schnurrenden Kater im Arm, und checke meine Whatsapp-Nachrichten.

Smartphone-Konsum am Morgen! Böse!

Von wegen. Weil mein Tag optimal startet, wenn mein bester Freund mir geschrieben hat. Meine beste Freundin. Meine liebste Ex-Kommilitonin. Irgendwer, der mir etwas bedeutet.

Danach checke ich meine Projekte. Alles up + running? Hits? Verkäufe? Irgendwelche Anfragen?

Und dann kommt die winzig kleine Routine, die mir allmorgendlich aus dem Bett hilft. Mein täglicher Mindbooster. Mein Sinngeber, wenn mein Hirn noch im Halbschlaf dahindämmert.

Jeden Morgen norde ich mich ein. Das dauert eine, vielleicht zwei Minuten. Ich stelle mir drei simple Fragen und trete mir damit mental in den Hintern.

Weil ich Jahre meines Lebens damit vergeudet habe, dass ich ums Verrecken nicht aus den Kissen kriechen wollte. Wofür auch? Alles irgendwie stumpf. Alles irgendwie Konvention, alles irgendwie »macht man halt so«. Kein Sinn dahinter. Keine tiefere Bedeutung.

Dabei ist das Sinngeben mein Job. Es ist mein Leben. Ich kann mir aussuchen, was ich damit anfangen will. Wenn ich’s vergeude, ist das meine eigene Schuld.

Drei mentale Frischekicks

Ich schlafe immer so lange wie möglich, entsprechend muss mein Einnorden schnell gehen. Es gibt was Positives für den Antrieb. Gefolgt von einer Runde Leidenschaft und Lebenszweck. Dann wird’s nochmal konkret. Und anschließend stehe ich auf.

1. Das Positive: Worauf freust du dich heute?

Irgendwas ist da immer. Selbst, wenn ich im tiefsten Loch hänge: Vielleicht trainiere ich Skat-Spielzüge mit dem Kumpel in der Mittagspause. Vielleicht ist irgendein Projekt fast fertig. Vielleicht ist das Wetter perfekt für die Laufrunde am Nachmittag. Vielleicht freu ich mich auch einfach drauf, nachmittags Netflix laufen zu lassen und mit einem meiner Kater auf dem Sofa zu liegen. Wenigstens eine positive Kleinigkeit muss ich finden. Hängen lassen gilt nicht!

2. Der Lebenssinn: Was ist dein größtes Ziel?

Das wechselt bei mir tatsächlich in regelmäßigen Abständen. Ich habe immer irgendein Herzprojekt. Manchmal auch mehrere. Das ist okay. Die Hauptsache ist, dass es da etwas gibt, für das ich lebe und atme. Aktuell arbeite ich daran, meine Fähigkeiten im Digital Painting zu verbessern – irgendwann will ich guten Gewissens Auftragsarbeiten anbieten können. Ich will so gut im Skat werden, dass ich in den Verein meines Kumpels eintreten kann. Ich will das Buch für meinen Erstblog schreiben, nach dem ich so oft gefragt werde. Und ich will ZR mit hilfreichen Tipps zu diversen Themen vollstopfen.

In den Tag hineinleben ist Blödsinn. Ich brauche das Gefühl, etwas zu schaffen. Ich brauche etwas, das mich an- und umtreibt.

3. Ganz konkret: Was kannst du heute tun?

Aka: Was genau mache ich heute, um meinen Zielen näher zu kommen? An Bild X weitermalen beispielsweise? Ein paar Runden Online-Skat spielen? Ein Kapitel vorplanen? Einen Artikel schreiben? (Jep, heute war’s Letzteres.) Jedes Ziel lässt sich in Babyschritte einteilen. Und davon kann man jeden Tag welche gehen. Damit ich mir abends denken kann: Läuft. Wieder ein paar Zentimeter in die richtige Richtung gegangen.

Deine Entscheidung!

Für mich ist es okay, morgens die busyness busyness sein zu lassen. Sobald ich mir die für den Tag nötige Motivation zusammengesucht habe, kriege ich meinen Kram auch erledigt.

Festgeschriebene Morgenroutinen aus 27 Schritten inklusive 21 Kilometer-Lauf können für den ein oder anderen aber auch ein Kick sein. Weil so schon zu Beginn des Tages alles Wichtige erledigt ist.

Im Blogparadenbeitrag zum Thema von Boxspring-Kiki ist das schön dargestellt (mit Pandas!): Wir müssen uns unsere Morgenroutinen selbst zusammenbasteln. Inspiration geht klar, aber blindes Übernehmen der Morgenroutine eines erfolgreichen Menschen macht dich nicht automatisch genauso erfolgreich. Vielleicht behindert seine Routine dich sogar.

Wie im Qualitätsmanagement müssen wir den PDCA-Zyklus durchlaufen: Plan. Do. Check. Act.

Planen. Machen. Reflektieren. Korrigieren.

Nur weil Mark Zuckerberg täglich dasselbe Outfit trägt, musst du dir keine Alltagsuniform zulegen. Du musst auch nicht Obamas Sportprogramm nacheifern. Aber wenn du Bock hast, kannst du beides ausprobieren. Und dann gucken, ob’s dir was bringt.

Du kannst auch meine drei Fragen austesten. Vielleicht hast du morgens manchmal ähnliche Hänger wie ich. Vielleicht helfen sie dir da raus. Vielleicht auch nicht.

Aber eine Sache gilt immer. Universell. Für jeden.

Jeder Tag gehört dir. Und es ist deine Entscheidung, was du aus ihm machst!

Quellen

  1. Lally, P., Van Jaarsveld, C. H., Potts, H. W., & Wardle, J. (2010). How are habits formed: Modelling habit formation in the real world. European journal of social psychology40(6), 998-1009.
  2. Leshed, G., & Sengers, P. (2011, May). I lie to myself that i have freedom in my own schedule: productivity tools and experiences of busyness. In Proceedings of the SIGCHI Conference on Human Factors in Computing Systems (pp. 905-914). ACM.

16 Kommentare zu “Morgenroutine: Von Busyness und Mindset-Boostern”

  1. Ich versuche mir gerade eine recht umfangreiche Morgenroutine anzutrainieren. Es ist hart! Aber ich gehe richtig motiviert aus dem Haus, wenn morgens schon alles gemacht ist. Komme dann nach der Arbeit heim und kann in Ruhe am Blog arbeiten oder einfach nur chillen.
    Für mich ist die Morgenroutine eine Hassliebe, die mich quält und mega unterstützt – gleichzeitig!

    1. An sich würde ich ja sagen, wenn’s mega hart ist, ist’s das Falsche, aber siehe da – wenn du einen richtigen Schub dadurch bekommst, dann ist es den Aufwand ja echt wert! Das ist super, weil du nach hinten raus dadurch mehr vom Tag hast.

  2. Ich habe es auch mal mit einer Morgenroutine ausprobiert. Einfach weil überall davon die Rede war und ich eine schöne Seite in meinem Bullet Journal anlegen konnte. Aber es hat einfach nicht geklappt. Jetzt checke ich wieder wie gewohnt zuerst mein Handy und hab dann noch genau 30 min bis ich aus dem Haus muss. Ich mag es einfach morgens länger zu schlafen, auch wenn ich mich dann hetzen muss 😀

    Sport und Orgadinge erledige ich lieber abends!

    Deine drei Fragen finde ich sehr interessant und helfen sicher moticiert in den Tag zu starten 🙂

    LG Denise

    1. Kann ich gut nachfühlen, war bei mir ähnlich. Ich habe keine Probleme, mich nachmittags aufzuraffen, um meinen Kram zu erledigen… Da kann ich morgens auch so lange schlafen wie irgendwie möglich. 😀
      Danke dir!

  3. Oh das ist mir noch alles ganz fremd. Ich arbeite derzeit 12 Stunden ohne Pause in einem anderen Land, führe am Wochenende einen Blog und ein Bullet Journal 😀 bin ich ein hoffnungsloser Fall?! Nein weil es mir noch Spaß macht aber ich merke das es so nicht weiter geht. Deine Tipps sind sehr wertvoll! Vielleicht ein guter Vorsatz fürs neue Projekt?!

    1. Hoffnungsloser Fall? Quatsch! Bei solcher Pendelei oben drauf fällt früheres Aufstehen, um schon irgendwas Großartiges zu erledigen, sicherlich eh flach… Schlafen musst du ja auch mal! 😀 Ich glaube, da musst du mit etwaigen Routinen sehr schauen, dass du dir nicht noch mehr Stress aufbürdest als du ohnehin schon hast.

  4. Suuper Beitrag 😀 Ich habe nicht wirklich eine Morgenrutine. Ich bin nicht bereit um 4 Uhr aufzustehen und im Dunkeln sowie Halbschlaf eine Rutine zu beginnen. Lieber geniesse ich meinen Schönheitsschlaf 🙃

  5. Das hast du wirklich super geschrieben! Ich bin auch jemand, der am besten von 18 Uhr bis spät in die Nacht arbeitet. Und genau das mach ich auch.
    Morgens wird zwar um 7 Uhr aufgestanden um mit dem Hund Gassi zu gehen, danach legen wir uns aber nochmal bis 10 Uhr hin. Dann gibts gemütlich einen Kaffee und erst dann startet der Tag.
    Ich verstehe auch nicht, wieso so viele morgens ihre Arbeit erledigen, obwohl sie zu einem anderen Zeitpunkt effektiver sind. Wieso soll ich von 8-17 Uhr arbeiten, wenn ich das gleiche Pensum auch zwischen 18 und 23 Uhr erledigen kann (da viel produktiver)….
    Selbständigkeit ist was Schönes 🙂

    1. Cool, dass du deine produktiven Zeiten durch die Selbstständigkeit richtig ausnutzen kannst! 🙂 Das ist ein riesiger Vorteil vom völlig eigenständigen Arbeiten. Ich kann vor 10 Uhr auch nichts Kreatives leisten, die Morgenstunden fallen für meine eigenen Projekte entsprechend sowieso flach. Bin entsprechend ganz froh, dass mein Brotjob medizinisch ist. Um 7 Uhr journalistisch arbeiten ginge bei mir wunderbar schief!

    1. Nö, stressen soll’s einen ja auch genau nicht. Stress aus dem Tag zu nehmen ist ja Sinn der ganzen Routinen. Mit Kind hat sich das mit der Selbstbestimmtheit aber sowieso in vielerlei Hinsicht, da rückt das Wohlergehen des Kleinen einfach total in den Vordergrund.

  6. Vor meinem ersten Kind hatte ich eine feste Morgenroutine, mit Kind bricht leider manchmal morgens das Chaos aus. Wir haben zwar noch feste Strukturen, die variieren aber von Tag zu Tag.

    Viele Grüße Natascha

  7. Spricht mir aus der Seele. Vielen dank fur den inspirierenden Post. Mein gewissen ist nun nicht mehr ganz so schlecht. Allerdings finde ich es immer wieder total toll, wenn ich mal aus Versehen ganz früh aufstehe & ganz viel schaffe noch bevor es eigentliche Aufstehzeit ist. Den Abend dann einfach zu entspannen ist reizvoll. Ob das mal täglich irgendwann bei mir eintritt weiß ich nicht. Ich handhabe es wie Du, Kreativität setzt bei mir auch abends ein & dann wird mental auf dem Tisch getanzt, oft bis zum nächsten Morgen.

    Sonnige Grüße aus Athen, Nina

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