Bloggen und Persönlichkeit

Weißt du, was mich blockiert?

Perfektionismus.

Das trifft es nicht ganz, aber es kommt dem ziemlich nahe.

Ich bin bereits darauf eingegangen, wie professionell die Bloggerei mit den Jahren geworden ist. Und dass es dabei aber immer noch um Authentizität geht. Um den Blogger als Menschen.

Das Lustige ist: Wir bloggen zu bestimmten Themen, weil wir Ahnung davon haben. Weil sie uns am Herzen liegen und weil wir Erfahrungen mitbringen.

Mein Thema ist Persönlichkeitsentwicklung. Ich habe diesbezüglich eine ziemlich lange Reise hinter mir. Und ich habe durch Studium, Job und ein ausgeprägtes Faible für Wissenschaft einiges an Fachwissen angesammelt. Damit kann ich anderen Gutes tun. Das weiß ich. Ich benutze es immerhin tagtäglich.

Das Ding ist nur: Ich bin alles – außer perfekt. Auch ich fliege auf die Fresse. Auch ich bin nur ein Mensch.

Und ich bin gerade richtig auf die Fresse geflogen.

So sehr, dass ich mir wie der größte Idiot vorkomme, überhaupt einen Blog wie diesen hier gestartet zu haben.

Story-Time: Einmal Seifenoper zum Mitnehmen, bitte!

Hast du mein leises Faible für das Thema psychische Gesundheit bemerkt? Unschwer zu erraten: Ich bin da kein unbeschriebenes Blatt. Und das ist okay. Was immer wir mit uns herumschleppen: Es macht uns zu denen, die wir sind. Und das ist gut. Das ist wertvoll. Wir sind die Summe unserer Erfahrungen.

Wir sind Puzzleteile mit bestimmten Ecken und Kanten. Wenn wir andere Teile finden, mit denen wir zusammenpassen, eins werden, ein Bild ergeben – dann ist das wunderschön. Und so doof sich manche Tage, Wochen, Monate anfühlen mögen: Wir sind nie allein. Und es geht immer weiter.

Ich habe ein Puzzleteil in meinem Leben, das mir die Welt bedeutet. Einen Menschen. Mein Alles. Kein Beziehungs-Alles, wohlgemerkt, sondern diese Art Bindung, die man nur zu denen hat, die einem mal wirklich den Arsch gerettet haben.

Vor einer kleinen Weile kam ein anderes Puzzleteil in mein Leben, mit dem ich auf seltsame Weise im Einklang war. Unsere Kanten waren sich ähnlich. Wir trugen dieselben Farben. Dieselben Macken. Und auch wenn ich von Anfang an bestimmte Grenzen betonte: Wir gaben zusammen ein ganz passiges Bild ab. Zu Deutsch: Wir waren ganz gute Kumpels.

Der Konflikt

Das Ding ist: Der ganz gute Kumpel hatte ein gehöriges Problem mit meinem Alles.

Wenn ich das so schreibe, weißt du vermutlich genau, worauf das hinausläuft, oder?

Natürlich sind mein Alles und besagter ganz guter Kumpel Männer. Natürlich bin ich eine Frau.

(Komm mir jetzt nicht mit Harry und Sally*, okay?)

Natürlich hatte besagter ganz guter Kumpel Gefühle für mich, die ich in ihrer Intensität viel zu spät verstanden habe.

Natürlich versuchte besagter ganz guter Kumpel, mein Alles aus dem Weg zu räumen. Indem er anfing, mir zu erzählen, mein Alles wolle ihn aus dem Weg räumen.

(Warte, was? Ja, ganz genau.)

Unnatürlicherweise eskalierte die Situation: Mein nicht mehr so guter Kumpel wollte eine Entscheidung von mir. Er oder Er. Und dann kam der Moment, in dem ich endgültig auf die Fresse flog: Wenn ich ihn nicht lieben würde – dann müsse er sterben. Er würde sich umbringen. Seine Tochter zurücklassen. Alle zurücklassen.

»Nicht wegen dir«, sagte er. »Nur wegen dir«, fühlte ich.

Und etwas in mir brach.

Fehlschläge und Selbstzweifel

Fehler
Scheiße.

Natürlich stehe ich jetzt hier und fühle mich beschissen.

Ich bin ziemlich gut, was Menschen angeht. Trotzdem habe ich mich in diesem Menschen einfach wahnsinnig getäuscht.

Ich bin ziemlich gut, was Produktivität angeht. Trotzdem sitze ich seit Tagen vor leeren Textdokumenten.

Ich bin ziemlich gut, was Gewichtsmanagement und Fitness angeht. Trotzdem habe ich nun wochenlang Schokoladenkekse gefressen und mich keinen Meter mehr als nötig bewegt.

Ich bin ziemlich gut, was das Weitermachen angeht. Trotzdem hänge ich im Moment schlichtweg fest.

Ausflug in meinen Kopf gefällig?

Wenn ich dir mit irgendetwas helfen soll: Wie zum Teufel kann ich selbst da so ein Loser sein? So dumm sein? Wie kann ich meine eigenen Ratschläge nicht umsetzen können? All die Erfahrungen, all das Wissen, das ich dir geben will – und ich krieg’s trotzdem nicht geschissen? Echt jetzt?!

Das Hochstapler-Syndrom

Nicht nur, dass mir der Verlust der Freundschaft wehtut. Es sind auch Erfahrungen wie diese, die mich in meinem Denken bestärken, ein Fake zu sein. Ein Schauspieler. All die Sachen, die ich aufgezählt habe, in denen ich ziemlich gut bin? Das sind die Sachen, von denen andere sagen, dass ich gut in ihnen bin. Ich selbst? Ich denke bis heute: »Krass, eigentlich kann ich null Komma gar nix, aber irgendwie ist es immer noch niemandem aufgefallen… Irgendwann flieg ich so richtig auf.«

Man nennt das imposter syndrome. Zu Deutsch: Hochstapler-Syndrom.

Es ist eine Perfektionistenkrankheit: Man schafft es nicht, seine Erfolge und das Lob anderer Menschen zu internalisieren. Stattdessen findet man sich selbst einfach weiterhin mies in allem und ist überzeugt davon, die anderen würden sich einfach fürchterlich in einem täuschen.

Das Syndrom kommt neben dem medizinischen 1 gern im akademischen Bereich vor – nicht nur bei Studierenden, auch bei Lehrenden. 2

Ich weiß nicht, ob schon Forscher auf die Idee kamen, Blogger und Coaches diesbezüglich aufs Korn zu nehmen, aber ich bin sicher, sie würden auch bei uns fündig werden!

Müssen Blogger perfekt sein?

Dabei ist es ja so: Ein bisschen sind wir alle Schauspieler. Gleichzeitig sind wir alle aber auch gut in etwas.

Gerade als Blogger ziehen wir es natürlich vor, uns auf unsere Schokoladenseite zu konzentrieren. Ein Beauty-Blogger zeigt sich nicht ungeschminkt. Ein Modeblogger fotografiert sich nicht zu Hause im Jogginganzug. Ein Tierblogger erzählt nicht von den Tagen, an denen er keine Zeit für seinen Hund hat und genervt von dessen kreativen Spielaufforderungen ist.

Wir Blogger wollen doch Vorbilder sein, hm?

Die Sache ist die: Wir sind nicht Wikipedia. Wir sind keine Schaufensterpuppen. Wir funktionieren nicht einfach nur so. Wir sind Menschen.

Menschen irren sich. Dauernd.

Das Bloggen ist eine Gratwanderung. Heutzutage plaudert man nicht mehr nur so aus dem Nähkästchen. Man vermittelt etwas. Platziert Produkte. Zieht ein Business auf.

Fehler sind uncool. Wir denken, wenn wir Fehler machen, dann verlieren wir.

Dabei ist es im Kern so: Wenn wir auf die Fresse fliegen, haben wir am ehesten die Chance, Menschen zu erreichen. Weil das Irren uns verbindet.

Irren ist menschlich
Irren ist menschlich – oder typisch Autokorrektur

Aufstehen, weitermachen – und zu seinen Fehlern stehen

Meinem Pseudo-Hochstapler-typischen Fluchtimpuls zu folgen und all das hier zu löschen: Das wäre ein Fehler.

Den mache ich nicht. Stattdessen zeige ich dir jetzt ganz offen, dass mir genauso dumme Sachen passieren wie jedem anderen auch. Dass ich schwanke und strauchle und falle. Platt auf dem Boden liege. Und ich zeige dir, dass ich trotzdem weitermache. Wieder einmal. So wie du.

Hochstapler oder nicht. Scheiß drauf.

Weißt du, ich bin jetzt um eine Erfahrung reicher. Eine Lektion mehr im Leben gelernt. Mein Alles ist noch mein Alles – mehr vielleicht noch als zuvor. Das andere Puzzleteil: Es lebt noch. Wir passen nicht mehr so gut zusammen, aber das ist okay. Es ist alles okay.

Auch das ist Persönlichkeitsentwicklung! Jede Erfahrung mehr fördert unser Vorankommen. Perfektionismus ist Blödsinn.

Blogger und Ehrlichkeit

Wenn du über Mode bloggst: Zeig ruhig mal dein Haus-Outfit. Deine Fehlkäufe und Fails im Kleiderschrank, die auftragen oder abschnüren oder sich nicht kombinieren lassen.

Bist du Beauty-Blogger: Der Pickel auf der Nase ist okay. Den kriegen wir alle mal, hormon- oder stressbedingt. Mach ein Abdeck-Tutorial draus. Leidensgenossinnen werden es feiern!

Tier-Fails kommen nicht nur bei Tierbloggern super an. Jeder liebt Comedy.

Das alles hat auch etwas mit Ehrlichkeit zu tun. Mit der so oft geforderten Authentizität. Wir müssen nicht so tun als wären wir perfekt. Das wäre gelogen – das wäre Hochstapeln. Wir sind kein Instagram-Feed voller pastellgefilterter Live Love Laugh-Bildchen. Wir können wir sein.

Also: Lass uns an deinen Fails teilhaben! Mach dich nicht fertig, wenn etwas schief läuft. Das gehört dazu. Es macht dich menschlich. Und Menschen sind viel cooler als Wikipedia-Artikel und Lexikoneinträge.

Bleib locker. Viele Blockaden lösen sich dann ganz von selbst.

So wie diese hier.

Quellen

  1. LaDonna, K. A., Ginsburg, S., & Watling, C. (2018). “Rising to the Level of Your Incompetence”: What Physicians’ Self-Assessment of Their Performance Reveals About the Imposter Syndrome in Medicine. Academic Medicine, 93(5), 763-768.
  2. Parkman, A. (2016). The imposter phenomenon in higher education: Incidence and impact. Journal of Higher Education Theory and Practice, 16(1), 51.

2 Kommentare zu “Müssen Blogger perfekt sein? Vom Hochstapler-Syndrom und persönlichen Fehlschlägen”

  1. Also, dein Beitrag liefert ganz viel Stoff zum Nachdenken für mich.

    Erstmal als Denkanstoß: Oftmals liegt Perfektion im Imperfekten.

    Gerade wenn man über Persönlichkeitsentwicklung schreibt, muss man mit dem Scheitern umgehen können, denn wie du richtig sagst, aus Fehlschlägen lernt man. Man lernt aus all seinen Erfahrungen, deshalb vertrete ich auch die Einstellung, dass man im Leben nichts bereuen sollte, denn aus allem, was man durchgemacht hat, hat man etwas gelernt. Unsere Erfahrungen machen uns zu dem, was wir sind.

    Weshalb haben die meisten Psychologen selbst einen Knacks? Na, ganz einfach, weil sie sich nur dann in ihre PatientInnen hineinversetzen können. Zumindest ist das bei den richtig guten Psychologen so.

    Wichtig ist die Selbstreflexion. Wenn man sich darüber bewusst ist, was schief läuft, dann kann man Anderen dadurch weiterhelfen. Viele stecken in ähnlichen Situationen und sehen keinen Ausweg. Dann kannst du sie mit deinen Erfahrungen unterstützen, weil du sie bereits durchgemacht hast.

    Dass du dennoch in Situationen gerätst, die dich herausfordern, wo du entgegen deiner Erfahrungen und deinem Wissen entscheidest und vielleicht auch Fehler machst, lässt sich niemals vermeiden. Und das ist gut so. Denn das schärft das eigene Bewusstsein für sich selbst und bringt die Selbstreflexion wieder in Gang. Denn diese ist ein fortwährender Prozess. Menschen verändern sich. Und deshalb darf man niemals damit aufhören, hin und wieder über sich selbst nachzudenken und sich auch mal selbst herauszufordern.

    Hach, ich könnte wohl einen ganzen Beitrag als Antwort auf deinen schreiben 😀 Was ich sagen möchte: Ich verstehe, was du meinst und ich finde deinen Blog und das was ich über dich weiß, großartig. Mach weiter so und lass dich nicht beirren.

    Liebe Grüße, Kay.
    http://www.twistheadcats.com

    1. Hi Kay!

      Danke für deinen tollen Kommentar – ich freu mich über deine Worte und Gedanken! 🙂

      Ich bin da ganz bei dir. Selbstreflexion piekst manchmal ein bisschen (oder kommt gleich gepfeffert als Vorschlaghammer daher), aber im Kern bringt sie uns immer weiter.

      Ich denke, man darf sich vor den unschönen Seiten des Lebens einfach nicht verschließen. Ja, manchmal steckt man fest. Aber: Man lernt. Man lebt. Und das schlauer als zuvor.
      Plus: Man weiß die schönen Seiten ohnehin nur zu schätzen, wenn man die Schatten dahinter kennt.

      Also: Weitermachen. 🙂

      Liebe Grüße
      Zoë

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