Zwischen Stigmatisierung und Glorifizierung psychischer Erkrankungen

Wir leben in einer Welt der Extreme. Die »Mitte« haben wir nicht nur politisch längst verloren: Wir brauchen immer Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse. Wir stigmatisieren – oder glorifzieren. Simple, wertfreie Akzeptanz? Träum weiter. Wir hauen uns lieber die Köpfe darüber ein, ob etwas nun voll hammer oder mega der Abturn ist. Entscheide dich! Es geht immer nur eins von beidem!

Psychische Erkrankungen waren ewige Zeit etwas, das es einfach nicht gab. Weil es nicht diagnostiziert wurde. Wie auch? Darüber sprach man schlichtweg nicht. Auch nicht beim Arzt. Psychisch krank war gleichbedeutend mit seltsam. Oder irre. Oder gefährlich. Auf so einen Stempel war nun wirklich niemand scharf.

Und Teile unserer Gesellschaft sehen das auch heute noch so. Bloß, dass sich eine Gegenbewegung gebildet hat, die psychischen Krankheiten einen ganz neuen Stempel aufgedrückt hat: Die finden sie nämlich cool. Trendy. Psychisch Kranke sind kreativ. Anders. Rebellisch. Depressionen, Angststörungen, Bipolare Störungen, Zwänge – wow, wie tiefgründig! Wie sensibel! Wie authentisch! Wie speziell!

Zwischen irre und speziell steht nur noch eine (nicht ganz so) kleine Gruppe: Die der unglückseligen Betroffenen. Die der wirklich psychisch Kranken. Die stehen zwischen den Fronten – und kriegen von beiden Seiten auf die Fresse.

Die Stigmatisierung psychischer Krankheiten

Ich spendier dir einen kleinen Einblick in das Leben eines wie auch immer psychisch Erkrankten: Er fährt die meiste Zeit Panik. Panik, dass er entlarvt wird. Panik, dass seine Krankheit ihn so sehr übermannt, dass er seine Funktionsfähigkeit verliert – so sehr, dass alle Welt auf einen Schlag sieht, wie kaputt er ist.

Das kann ihn den Job kosten. Die Beziehung. Freundschaften. Ach, und ganz nebenbei den letzten Funken Selbstwert, den er besitzt. 1

Das Stigma der psychischen Erkrankungen ist nämlich tief verwurzelt. Nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in unseren eigenen Köpfen. In denen der Erkrankten selbst.

Wir erwarten, diskriminiert zu werden. Und wir diskriminieren uns nicht selten selbst. Gerade Depressionen gehen häufig mit der Annahme eines katastrophalen Selbstbilds einher: Wenn dann noch einer einen charmanten Spruch bringt, sehen wir uns in unseren schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Selbst dann, wenn der Spruch überhaupt nicht auf uns bezogen war.

Die Folgen der Stigmatisierung

Menschen schämen sich in Grund und Boden, wenn sie psychisch statt körperlich erkrankt sind. Das wiederum führt dazu, dass sie das Ganze unter den Teppich kehren. Immer und überall.

Versteckt
Ich… Bin dann mal weg.

Dabei ist es so: Die Medizin von heute, auch die Psychiatrie, ist gar nicht so schlecht entwickelt. So ziemlich alle Störungen, die wir Menschen uns einhandeln können, können zumindest verbessert werden. Vielleicht sogar komplett geheilt!

Einzige Voraussetzung: Die Karten offen auf den Tisch legen. Um Hilfe bitten. Und Medikations- und Therapievorschläge annehmen.

Geht bloß nicht, wenn das hässliche Stigma, das man sich damit quer über den Körper tätowiert, lautstark »Versager!« schreit und das ganze Leben zusammenfällt wie ein Kartenhaus.

Vom Stigma zur Glorifizierung

Was ist jetzt, wenn Leute eine solche Krankheit mitsamt ihres Stigmas zum Modetrend erheben?

Das verändert nicht mal eben so alle negativen Annahmen, die andere und wir selbst über uns und unsere Störung haben.

Im Gegenteil.

Als »Gestörter« guckst du dir das Gehabe der (meist ziemlich jungen) Pro-Menschen an und weißt: Sie reden Blödsinn. So richtig üblen Blödsinn.

Depression ist nicht betont-düsteres Grübeln über Gott und die Welt, Zynismus und schwarzer Humor. Depression ist, ungewaschen die Wand anzuglotzen, weil alles andere einfach too much ist.

Psychische Krankheiten haben nichts Ästhetisches. Selbstverletzendes Verhalten ist nicht schön. Wegen deines über und über vernarbten Oberschenkels jede Einladung ins Schwimmbad auszuschlagen ist nicht schön.

Selbstmord ist nicht romantisch. Beim Geruch von Alkohol würgen zu müssen, weil er dich an deinen gescheiterten Suizidversuch mit Ibuprofen und einer Flasche wasimmergeradedawar erinnert, hat nichts mit Romantik zu tun.

Also Kontra-Mensch siehst du das Gehabe der Pro-Menschen, kannst in Ermangelung eigener Erfahrungen nicht zwischen deren Fiktion und der Wahrheit differenzieren und denkst dir: Jetzt kommen diese Irren sich auch noch toll vor. Dann kann’s denen so schlecht ja nicht gehen.

Kurz: Die Glorifizierung von #notjustsad und Co. macht alles nur schlimmer. Die Depressionen werden zum Accessoire. Ebenso wie die übergroßen Hüte und Sonnenbrillen. Blogger-Style, Baby.

Bloggerin
Nicht im Bild: Das tief empfundene Leid einer geschundenen Seele.

Ist das wirklich eine Glorifizierung?

Es gibt Blogger und Twitterer, die ziemlich genau darstellen, wie das Leben mit ihrer Erkrankung sich anfühlt. Die ihren uncoolen, unästhetischen, unromantischen Alltag beschreiben – mit dem Ziel, sich selbst ein bisschen weniger allein zu fühlen (indem sie dafür sorgen, dass andere sich ein bisschen weniger allein fühlen).

Mein Beispiel für diese Art von Blogger war nie #notjustsad-Jana Seelig (deren Buch ich bis heute nicht gelesen habe). Ich denke da immer eher an The Bloggess, die irgendwann vor Jahren schon ihr Coming Out hatte und seitdem drei Bücher* veröffentlicht hat. Und im deutschsprachigen Raum an Kathrin Weßling mit ihrem Drüberleben*. Damals, 2013, war das hier noch etwas Besonderes. Ein erster, mutiger, notwendiger Schritt.

Mir gefällt nur nicht, was sich aus derartigen Schritten immer wieder entwickelt.

Rote Tränen: Die Emo-Subkultur

Sprung zurück: Als ich ein Teenager war, waren düstere Themen wie psychische Erkrankungen noch eher den Randgruppen wie Goths und später dann den Emos vorbehalten. Die Beschäftigung damit war unter anderem Ausdruck der eigenen Andersartigkeit. Anders, das will doch jeder Teenager sein, oder?!

Ich bin todsicher, dass es verdammt viele Teens gab und gibt, die sich selbst schneiden, weil irgendwer ihnen das Ritzen (sorry, ich bekomme bei diesem Ausdruck Brechdurchfall) als trendy verkauft hat. Als praktikabel.

Denn: Bäm, schlagartig sind sie alle Borderliner. Grenzgänger! Wie geil klingt das denn?!

Und bäm, plötzlich bekommen sie richtig viel Aufmerksamkeit. Wie geil ist das denn?!

Tatsächlich gründet sich die Emo-Subkultur auf einen regelrechten Selbsthass-Kult.2 Hier wird sich fröhlich geritzt – und ja, in diesem Kontext passt die spielerische Konnotation des Wortes Ritzen ganz hervorragend zur Form der Selbstverletzung. Das alles ist ein Heidenspaß. Man macht das nicht, weil man wirklich krank ist. Man macht das, weil man dazugehören will. Und wie wird das Ganze am Leben erhalten? Durch Social Media!

Ihhh, ein Borderliner! – Ein neues Stigma

Das Emo-Gehabe der pubertären Krankheits-Touristen von damals hat vor allem für eines gesorgt: Dass psychische Erkrankungen wie Depressionen und Persönlichkeitsstörungen à la Borderline bei verdammt vielen Menschen bis heute als Kinderkacke abgespeichert sind.

Emos
Haben wir gut gemacht, Darling.

Das addiert wahnsinnig positive Eigenschaften zum althergebrachten Loser-Klischee des psychisch Kranken, oder?

Nicht nur, dass du wegen der alten Irren-Vorurteile nicht um Hilfe bittest – jetzt befürchtest du auch noch, dass du dich hochgradig lächerlich machst, wenn du jemandem sagst, wie du fühlst. Oder wenn nur jemand merkt, was mit dir los ist. »Was sind das denn für Schnitte? Brauchst du Aufmerksamkeit, oder was?«

#Notjustsad: Depression als Trend

Die #notjustsad-Hashtags von heute sind im Kern sicher ein netter Versuch. Sie laufen bloß immer wieder Gefahr, abzudriften und zu coolen Labels zu mutieren, die wie Orden getragen werden. Schon wieder.

Mental Health wird zum Trend. Schon wieder.

Das liegt daran, dass abermals die sozialen Netzwerke als Trägermasse fungieren. Der Altersdurchschnitt derer, die dort unterwegs sind, ist logischerweise relativ niedrig. Es sind also wieder die Teens, die ganz vorne mitmischen. Sie hören das nicht gern, aber: Die sind tendenziell beeinflussbar. Und neigen dazu, blindwütig auf Züge aufzuspringen und Pompoms für Dinge zu schwingen, von denen sie keine Ahnung haben.

Das führt leider nicht dazu, dass diese Themen ernster genommen werden. Im Gegenteil. Die Gesellschaft stumpft ab. 

Das Gemeine ist: Die meisten Blogger, die Depressionen und Co. thematisieren, meinen es nur gut. Die wollen informieren. Akzeptanz fördern. (Oder Hits durch die Thematisierung solch populär-unpopulärer Sachverhalte kassieren – was aber hoffentlich nur auf einen Bruchteil meiner Schreiberkollegen zutrifft.)

Simple Akzeptanz fällt der Gesellschaft jedoch extrem schwer. Psychisch Gesunde kapieren nicht, was in psychisch Kranken vorgeht. Glück für sie! Leider bedeutet die Konfrontation mit solchen Störungen für sie so auch die Konfrontation mit dem Unbekannten – und Unbekanntes macht uns Angst und stößt uns ab. Das mögen wir nicht.

(Was uns nervt, mögen wir übrigens auch nicht. Modetrends zum Beispiel. Merkst du was?)

Das lehnen wir ab. Das disliken wir so hart wir nur können.

Das heißt, psychische Erkrankungen pissen den Standardbürger am Ende nur noch mehr an. Der Betroffene hat somit noch mehr Schwierigkeiten im Umgang mit seiner Erkrankung. Er wird noch weniger ernstgenommen.

»Du willst dich umbringen? Ach, du bist doch nur aufmerksamkeitsgeil

Also schweigt er.

Der Aufschrei kommt, wenn er gesprungen ist. Dann, wenn’s wieder einmal zu spät ist.

Wie sollen wir mit psychischen Krankheiten im Web 3.0 umgehen?

Ich bin zu alt um beurteilen zu können, wie populär die Emo-Subkultur noch ist – wenn’s nach mir ginge, wäre sie längst Archiv- und Schredderfutter. Ich merke allerdings, dass der aktuelle Mental Health-Boom bei allen guten auch seine Schattenseiten hat.

Ganz sicher will ich nun nicht dazu aufrufen, dass das Thema wieder tabuisiert wird.

Aber: Wenn du über psychische Gesundheit schreibst und sprichst – bleib ehrlich. Keine Romantisierung. An psychischen Krankheiten ist nichts Ästhetisches. Nichts Cooles, Trendiges. Wenn du über mentale Gesundheit schreibst, mach daraus keinen Selbstdarstellungstrip. Fang nicht dieselbe Scheiße an wie Übergewichtige mit ihrer fat acceptance-Bewegung. Definier dich nicht über Krankheiten. Definier dich höchstens darüber, dass du anderen Betroffenen helfen möchtest, sie zu überwinden.

Wer an irgendeiner psychischen Störung leidet, ist nicht automatisch ein gefährliches Wrack. Natürlich darfst du das in die Welt hinausschreien! Ebenso mindert eine psychische Erkrankung niemandes Wert. Hammer ist an dem Leben mit einer mentalen Stahlkugel am Bein aber gar nichts. Etwas anderes zu behaupten ist gegenüber den Menschen, die darunter leiden, unsagbar respektlos. Und mit Pech verschlimmert es noch das Stigma, mit dem sie kämpfen. Weil du die ganze Thematik lächerlich machst.

#shrug

Wir sind zu geil auf Extreme. Unser Leben soll so Hochglanz sein wie unser Instagram-Feed – oder aber so raw und dirty wie ein Splatterfilm. Hauptsache, die Welt schaut hin. Dabei brauchen wir den gesunden Mittelweg aus Yay und Nay. Wir brauchen das oh shit, das ist scheiße – aber es ändert nicht, wie ich dich als Mensch sehe, also sei’s drum. Wir brauchen ein gesundes Schulterzucken.

Nein, ich meine damit kein »ach, dir geht’s schlecht? Mir egal«-Schulterzucken. Ich meine damit, dass wir aufhören, die Ausreißer von der Norm, die wir alle in uns tragen, zu bewerten. Wertvoll sind wir nämlich alle. Egal, ob krank oder gesund, dünn oder fett, schwarz oder weiß.

Wir sind alle ein bisschen anders. Das wiederum macht uns alle ziemlich normal. Wir verdienen alle gleich viel Aufmerksamkeit. Wir müssen nicht künstlich dafür sorgen, dass man uns beachtet – wir müssen uns aber auch nicht unterm Teppich verkriechen, wenn irgendetwas schief läuft.

Lass gut sein, ja?


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Quellen

  1. Rüsch, N., Berger, M., Finzen, A., & Angermeyer, M. C. (2004). Das Stigma psychischer Erkrankungen–Ursachen, Formen und therapeutische Konsequenzen. Psychische Erkrankungen–Klinik und Therapie, elektronisches Zusatzkapitel Stigma. Urban & Fischer/Elsevier, 14.
  2. Zdanow, C., & Wright, B. (2012). The representation of self injury and suicide on emo social networking groups. African Sociological Review/Revue Africaine de Sociologie, 16(2), 81-101.

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