Die Uhr tickt!

Von chronischer Prokrastination und dem Leben in der Warteschleife

»37 seconds.«

»Great. Well done. Now we wait.«

»No. We breathe. We pulse. We regenerate. Our hearts beat. Our minds create. Our souls ingest. 37 seconds, well used, is a lifetime.«

Mr. Magoriums Wunderladen*


Wenn ich abgenommen habe / befördert wurde / 4.815 Euro angespart / umgezogen bin und das Wetter besser geworden ist – dann fange ich an!

So was von!

Kommt dir das bekannt vor? Irgendetwas ist da, was du machen willst. Etwas, das dir wichtig ist. Wovon du sicher bist, dass es dich voranbringen wird. Wenn du das tust, wirst du glücklicher, erfolgreicher, stärker, schöner, gesünder – und einfach besser.

Aber da sind noch Dinge, die dich abhalten. Kilometerhohe Betonmauern mit Stacheldraht oben drauf, gespickt mit Billionen von Sprengsätzen, bewacht von dreiköpfigen Hunden und deinem garstigen Mathelehrer aus der siebten Klasse. Gute Gründe, jetzt erst mal schön auf Standby(e) zu drücken. Füße hoch, Arsch plattsitzen und warten, bis die Bedingungen passen.

Ruhig, Brauner.

Das nennt man dann Vernunft.

Oder Geduld.

Oder Blödheit. (Sorry.)

Du musst nicht wirklich erst Collateral* sehen, um zu merken, dass aus »irgendwann« tendenziell schnell »niemals« wird, oder?

Der Klassiker: Eine Woche noch! Dann nehme ich ab!

Das Datum steht fest!
Starttermin in Kalender-App eintragen: Done.

Ich war mal ziemlich dick. Freunde und Familie stellen sich natürlich ausdauernd auf den »so schlimm war es nun wirklich nicht!«-Standpunkt, aber: Mein BMI hatte bereits die 30 geknackt.

Das heißt, ich war ziemlich adipös. Fettleibig.

Nicht nur, dass das alles andere als schick aussah: Ich fühlte mich ungefähr so beweglich wie ein Michelin-Männchen an Krücken. Mit einer ganzen American Football-Mannschaft auf den Schultern. Inklusive Ersatzspieler. Und der Bank. Und dem halben Stadion.

Natürlich wollte ich immer irgendwie abnehmen. Aber komm. Zur Weihnachtszeit? Echt jetzt? Wo’s doch so viele Plätzchen und Lebkuchen gibt? Und zu Silvester? Beim Raclette? Da kann man auch bis zum 1. Januar warten. Ach, warte, meine Mutter hat am 2. Januar Geburtstag, da gehen wir essen. Oh, und, ähm, es ist ein bisschen zu kalt zum Spazierengehen, findest du nicht? Bewegung im Winter – ne. Im Frühling dann. Wenn ich mich nicht gleich erkälte. Das heißt, eigentlich ist ja Ostern. Grüne Soße hat halt Kalorien, Himmel nochmal! Und jetzt… Also, jetzt wird’s allmählich ganz schön warm. Da schwitz ich mich ja zu Tode. Mein armer Kreislauf! Das kann nicht gesund sein. Und wenn ich’s mir recht überlege, jetzt steht ja auch schon wieder Weihnachten vor der Tür…

Das liest sich jetzt herrlich überzogen, oder? Aber wenn wir Menschen etwas richtig gut können, dann ist es, Ausreden zu finden.

Bitte haben Sie einen Moment Geduld. Der nächste freie Lebenssinn ist in wenigen Augenblicken für Sie bereit.

Warteschleifen-Dramen
Please Hold The Line

Und das betrifft nicht nur solche Vorhaben wie Abnehmen und Sport, die mit besonderen Anstrengungen verbunden sind. Vorhaben eben, die wir als unangenehm empfinden. Manchmal schieben wir selbst die positiven Dinge (mehr unternehmen, mehr verreisen, mehr *hierkönntedeinliebstesHobbystehen*), die uns Freude machen, in die Warteschleife. Weil wir dafür irgendetwas ändern müssten. Und weil da immer etwas ist, das gegen Veränderungen spricht. Und sei es nur, dass wir absolute Gewohnheitstiere sind.

Manchmal wiederum sind wir sogar wirklich gezwungen, zu warten: Wenn dein neuer Job erst in zwei Monaten beginnt. Du noch keine neue Wohnung gefunden hast. Eine Krankheit noch nicht überstanden ist.

Wir rutschen dann schnell in allgemeine Passivität ab. Leben? Geht gerade nicht. Aber da ist noch Schokolade im Schrank.

Natürlich könnte man derartige Phasen als willkommene Pause und Möglichkeit zum Luftschnappen bewerten. Tun wir aber nicht. Wir leben so vor uns hin, erledigen bestenfalls gerade so das, was anfällt, und am Ende jedes Tages denken wir uns: Wow, weitere sinnlose 24 Stunden. Was für eine verdammte Zeitverschwendung.

Ebenso wie uns bei selbstgewählter Wartezeit das eigentlich müsste ich ja mal… ununterbrochen unter den Nägeln brennt.

Und dann hast du irgendwann kein Leben mehr – sondern nur noch eine Baustelle.

Under Construction – Leben im Aufbau

Baustellenblues
Hier könnte Ihr Leben stehen

Weißt du, was das Gute an Baustellen ist?

Auch wenn sie ungemütlich, chaotisch und laut sind (und mit Pech auch noch fürchterlich riechen): Es entsteht immerhin etwas Neues.

Nope, du bist nicht da, wo du sein möchtest. Alles ist unfertig, unperfekt, mühsam und zäh. Aber du hast es in der Hand. Es kann eigentlich nur besser werden, oder?

Die zwei Voraussetzungen, wenn du deine Ziele erreichen willst

Alles, was du dafür tun musst, ist:

  1. Mit dem Selbstmitleid aufhören.
    Nein, ehrlich. Das ist der erste Schritt. Wenn du dir den lieben langen Tag einredest, dass alles ganz furchtbar und sinnlos ist, dann erscheint dir alles, was du tust, unnütz. Du hast keinerlei Motivation. Und darunter leidet nicht nur deine Stimmung, sondern auch deine Leistung.
    Such den Sinn in dem, was du jetzt tun kannst. Nicht morgen oder übermorgen oder im nächsten Jahrzehnt. Irgendetwas kannst du immer machen, um deinem Ziel näher zu kommen. Und sei es irgendeine noch so winzige Kleinigkeit.
    Dein Leben hat keinen Pause-Knopf. Die Zeit, die du und deine Batman-Ente mit dem Baden in Selbstmitleid verplempert, fehlt dir irgendwann. Und dann willst du dir deswegen in den Hintern beißen. Glaub’s mir.
  2. Aktiv werden.
    Es ist nicht so, als müsstest du deine Ziele im Bruchteil einer Sekunde erreicht haben. Du musst keine Rekorde aufstellen und Bestzeiten knacken. Du musst nur handeln! Wer beschäftigt ist, ist glücklicher 1. Dabei ist es fast schon egal, was du tust… Auch wenn du natürlich noch zufriedener bist, wenn du nach und nach erreichst, was du dir vorgenommen hast.

Und ja, es sind wirklich nur diese zwei Schritte.

Es sind selten nur 37 Sekunden, die wir (vermeintlich) mit Warten verbringen müssen. Aber selbst diese 37 Sekunden kannst du aktiv nutzen. Du kannst jeder einzelnen Sekunde einen Sinn geben.

Da ist keine Steinmauer.

Dein Mathelehrer aus der Siebten ist wahrscheinlich längst in Rente.

Und Vernunft wird überbewertet.

Also: Was hält dich auf?!


*: Bei so gekennzeichneten Links handelt es sich um Affilate-Links.

Quellen

  1. Hsee, C. K., Yang, A. X., & Wang, L. (2010). Idleness aversion and the need for justifiable busyness. Psychological Science, 21(7), 926-930.

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