Happy Functioning

Katzenvideos =! Happiness: Warum du mehr mit deiner Zeit anfangen solltest

(Okay, okay, zugegeben, die Dosis macht das Gift. Nichts gegen Katzenvideos. Schon klar.)

Das Leben ist eine ständige Gratwanderung zwischen »würdest du jetzt verdammt nochmal endlich den Arsch hochkriegen und das auf die Reihe kriegen?« und »ruhig, Brauner, du kannst heute nicht die Welt retten – chill mal, atme durch und spring bitte nicht von der Brücke«.

Im Kern tanzt du jeden Tag zwischen Extremen. Das tun wir alle.

Auf der einen Seite lauert diese Trillion an Dingen, die du machen musst / sollst / willst / (theoretisch vielleicht) könntest.

Viele davon haben Zähne und beißen dich in den Arsch, wenn du sie zu lange aufschiebst. (Das sind deine Verpflichtungen.)

Andere sind geduldiger – sterben dir aber früher oder später unter den Händen weg, wenn du dich nicht genug um sie kümmerst. (Das sind deine Träume.)

Auf der anderen Seite stehst du als menschliches, zerstörbares Wesen mit einem bestimmten Potenzial, zu strahlen – und einem bestimmten Potenzial, zu zerbrechen.

Solange du dich nicht aufgegeben hast, willst du strahlen. Um das zu tun, musst du handeln. Dinge machen.

Die Sache ist nur: Wenn du zu viel machst, ist das so als würde ein unbewaffneter, nackter Zwerg einem Dutzend Orks den Finger zeigen. Am Ende liegt er zertrümmert zu deren Füßen, während sie ihr Feuerchen entzünden und ihn auf die Menükarte für’s Abendessen setzen. (Sorry, ich habe gerade einen verdammt langen Hobbit-Marathon hinter mir.)

»Armes Puttputt! Komm in meine Arme!« Zu viel Mitgefühl hilft dir nicht!

Niemand will als Orkfutter enden. Deswegen ist die typische Ausrichtung der heutigen Selbsthilfeliteratur (plus das Mantra einer überdimensionalen Gruppe an selbsternannten Coaches und Therapeuten): Kümmer dich um dich. Entspanne. Denk zuerst an dich selbst. Lass deine Pflichten Pflichten sein.

Lass es einfach mal jemand anders erledigen!

Arbeit
All work and no play makes Jack a dull frog…

Es gibt Menschen, die sich so aufreiben, dass sie genau das einmal brauchen. Die sich aus bestimmten Bereichen herausziehen, Arbeiten abgeben und ihr Leben neu strukturieren müssen. Weil sie sich, ihren Körper und ihre Psyche komplett überfordern. Denen verordnet man zurecht eine kurzfristige Auszeit. Zum Regenerieren.

Es gibt diese Menschen.

Aber – und ich weiß sehr gut, dass ich mich damit herrlich unbeliebt mache: So schrecklich viele sind’s nicht.

Vielmehr gibt es verdammt viele, die gern so wären. Die verdammt gern hören würden, dass sie sich um sich selber kümmern sollen. Entspannen sollen. An sich denken und die Pflichten Pflichten sein lassen sollen. (Und die geben natürlich bereitwillig Geld dafür aus, um sie zu kriegen: Die mitfühlenden Worte, dass alles ganz schlimm und schrecklich ist und sie die traurigen Helden sind, die einfach zu viel kämpfen.)

Das sage ich nicht, weil ich jemanden an den Pranger stellen will. Ich stelle nur Tatsachen fest. Wir sind Menschen. Wir alle gehen den Weg des geringsten Widerstands. Mal bewusst, mal unbewusst. Blöd wird’s nur, wenn wir uns und unserer Zufriedenheit damit selbst im Weg stehen.

Einmal Happyland, bitte – aber ohne Verantwortung!

Glücklich Sein gilt als universelles Ziel. Das wollen wir alle – und das sollen wir bestenfalls auch alle sein. Leute reden sich den Mund darüber fusselig, dass alle Welt einfach nur happy zu sein hat. Sie schreiben sogar Bücher und Blogs darüber. Und im Kern ist das super. Im Kern bin ich zu 200% dafür, dass jedem das Recht eingeräumt wird, sein persönliches Wohlbefinden in den Fokus zu stellen. Das war nämlich nicht immer so.

Das Problem ist nur, dass wir allmählich den Punkt erreichen, an dem wir übers Ziel hinausschießen.

»Happy« steht nun so sehr im Fokus, dass eine klitzekleine Winzigkeit vergessen wird: Das Leben ist nicht nur Happy, das Leben ist auch Arbeit.

Damit meine ich nicht deinen Brötchenjob, für den du dich morgens aus dem warmen Bett quälst. Auch wenn der absolut dazu gehört.

Mit Arbeit meine ich in erster Linie, dass wir alle Verantwortung übernehmen müssen. Für uns selbst. Für die Lebewesen, die uns nahestehen. Für das, was wir tun. Für jede einzelne Handlung – und jede einzelne Untätigkeit.

Wir sind keine kleinen Kinder mehr, die notfalls auf Mama und Papa zeigen können, wenn mal wieder etwas schief gelaufen ist. Aus dem »ich spiel nicht mehr mit!«-Alter sind wir raus. Wir haben alle Jobs zu erledigen. Und das ist gut so.

Denn: Happy ist nicht gleichbedeutend mit Nichtstun. Arbeit schließt Happy nicht aus.

Passiver Burn Out: Wie Resignation uns auslaugt

Das Problem ist nicht, dass wir nicht mal mit dem Fuß aufstampfen und »mimimi!« machen dürften, weil wir eine Pause brauchen. Klar dürfen wir das! Das Problem ist, dass wir verdammt oft »mimimi« machen und dann schmollend auf dem Hintern sitzen bleiben. Nicht unbedingt aus Faulheit. Vielmehr aus Resignation.

Eigentlich wollen wir alle ganz viel… Aber uneigentlich findet das immer jemand doof. Irgendwer ist immer dagegen. Der Chef. Die Gesellschaft. Die Oma. Da ist immer Gegenwind. Und der nervt. Der nervt so massiv, dass wir uns lieber wegwehen lassen, statt Stellung zu beziehen.

Das Witzige ist: Sich wegwehen zu lassen ist mindestens so anstrengend, wie »Stop!« zu sagen. Diese Passivität zehrt genauso an uns wie der Kampf gegen die Nein-Sager. Persönlichen Zielen nachzujagen macht uns glücklicher.1 Wir wollten also nach Island… Und hängen plötzlich im Wintermantel in Südafrika. Der Island-Traum verreckt irgendwo im Off. Und wir wundern uns, dass wir so gottverdammt unzufrieden sind.

Island
Die Bilder sahen aber nicht nach 40 Grad im Schatten aus…

Klar, das frustriert. Das erschöpft. Macht uns müde.

Und wer müde ist, würde gern einfach mal schlafen, nicht wahr? Einfach mal gar nichts tun.

Maul auf! Aufstehen! Machen!

Noch mehr Passivität ist aber nicht die Lösung. Das Problem ist in viel zu vielen Fällen nicht, dass wir uns aufreiben – das Problem ist, dass wir es nicht tun. Wir stehen eben nicht für uns ein. Wir lassen mit uns machen. Wir gammeln vor uns hin. Wir fühlen uns wie traurige Helden, die zu viele Schlachten verloren haben – dabei haben wir noch kein einziges verdammtes Mal das Schlachtfeld überhaupt betreten. Die groben Verpflichtungen lassen wir so nebenher laufen, aber eigentlich sind die uns auch schon zu viel. Happy? Pustekuchen.

Und als Belohnung sollen wir uns, schenkt man den empathischen Pseudo-Therapeuten da draußen Glauben, zurücklehnen und die Füße hochlegen und darüber sinnieren, was die Welt uns wieder angetan hat?

Denk lieber darüber nach, was du dir selbst mit deinem Mangel an Aktivität antust. Denn du bist die eine Variable, die du zu 100% kontrollieren kannst!

Hast du beispielsweise konkret nach einer Gehaltserhöhung verlangt, anstatt nur allmonatlich über deinen Kontostand zu jammern? Hast du Familienmitglied X gesagt, wie sehr deine eigene Lebensplanung mit seinen Vorstellungen kollidiert? Weiß dein Partner, dass du sein auserkorenes Urlaubsziel scheiße findest? Bist du dir selbst darüber im Klaren, was dir wichtig ist und was du mit deiner Zeit anfangen möchtest (und was nicht)?

Deine Bedürfnisse klar zu äußern und entsprechend danach zu handeln macht dich nicht zu Orkfutter. Im Gegenteil. Was im ersten Moment anstrengend und tendenziell konfliktträchtig sein mag, kann deine Situation langfristig nur verbessern. Vielleicht bekommst du mehr Kohle. Vielleicht auch nicht. Dann weißt du aber Bescheid, kannst die Konsequenzen ziehen und dir was Besseres suchen.

»Happy Functioning« – Motivation durch Handeln

Dieses »Funktionieren«, dieses erfolgreiche Bewältigen des Alltags, wird oft kritisch beäugt und als unwichtig dargestellt. Eigentlich soll es doch nur ums selbst gehen. »Lebe deine Leidenschaft! Finde deinen Flow! Kündige deinen Job! Starte einen Blog!« Scheiß drauf, ob du die Miete bezahlen und deinen Golden Retriever ernähren kannst! Hauptsache, du startest voll das coole Lifestyle-Business und bist total der Rebell! Damit kriegst du Likes auf Facebook!

Stell dir mal ein Leben vor, das du zu 100% nach deinen Träumen ausgerichtet hast – das es dir aber leider nicht erlaubt, deinen Alltag auf die Kette zu kriegen. Macht dich das happy? Ich für meinen Teil bekomme bei der Vorstellung Schnappatmung. Vielleicht bin ich ein Weichei und meine Angststörung hat mich wieder im Griff, aber ich fänd’s schon cool, wenn meine Kater Futter im Napf hätten.

Und, hey: Glücklicherweise gibt’s irgendwo zwischen Schwarz und Weiß auch noch kunterbuntes Grau. Denn der Mittelweg aus »wenn ich den Wasserhahn aufdrehe, kommt Wasser raus – true story!« und »fahr du nach Afrika, ich besuche jetzt die Wale in Reykjavík«, der existiert. Du kannst deine Träume verfolgen, ebenso, wie du deinen Hund versorgen kannst.

Tatsächlich ist es sogar so: Für’s Verfolgen deiner Träume und Ziele brauchst du Kraft, Inspiration und Motivation. Und das sind Dinge, die du vor allem durch irgendeine Art von Handeln bekommst.2 Hättest du überhaupt keine Pflichten, würdest du die meiste Zeit des Tages einfach auf dem Hintern sitzen und ins Leere glotzen… Dafür sind wir Menschen nicht geschaffen. Das macht uns depressiv. Und Depressive sind alles – außer motiviert.

Bist du aber immer irgendwie aktiv – und sei es, dass du gerade die Wäsche in den Schrank legst – dann bist du ständig damit beschäftigt, etwas zu schaffen. Das motiviert. Und wenn du schon deinen Kleiderschrank checkst, wie wär’s, wenn du da nachschaust, ob du schon ein paar island-taugliche Klamotten parat hast? Fehlt was? Guck mal nach, was du brauchst. Mach dir eine Preisliste. Check schon mal, wie viel du für die Flüge zurücklegen musst. Guck dir Hotels an. Such passende Daten raus…

Tu was. Irgendwas!

Der Grundsatz, immer irgendetwas zu tun, hilft enorm dabei, auch größere Vorhaben endlich anzugehen. Wenn ich wirklich 0,0 Sport-Begeisterung verspüre, aber eigentlich gerade bestimmte Ausdauer- oder Kraftziele verfolge, kann ich immer noch damit anfangen, zumindest die Sportsachen anzuziehen. Wenn’s dann noch hakt, geh ich zum Spazieren nach draußen. Wenn ich nun schon spazieren gehe, kann ich auch einen Kilometer joggen. Und wo ein Kilometer sich doch eigentlich ganz erfrischend anfühlt, dann kann ich jetzt auch gleich zehn laufen.

Bei Hausarbeiten für die Uni fing ich immer damit an, das entsprechende Dokument zu formatieren. Und wo ich schon dabei war: Inhaltsverzeichnis kann man auch schon mal planen. Ach, und eine Einleitung geht einem doch fix von der Hand, oder nicht? Und dann war ich ohnehin im Flow und konnte die ersten paar  Kapitel dranhängen.

Alles, was wir tun, setzt sich aus winzigen Teilschritten zusammen. Jeder aktive Schritt nach vorn bedeutet einen Push für die Psyche. Und ja, selbst die Staubsaug-Session von der To Do-Liste streichen zu können, bringt deinem Gehirn mehr als zwei Stunden vermeintlich entspannendes Facebook-Stalking. Glaub’s mir. Probier’s aus.

Mit der richtigen Kombi aus Wünschen und Pflichten (unabhängig davon, wie groß die Schritte in beiden Bereichen nun sind – die Hauptsache ist, dass du welche gehst) lässt sich jeder einzelne Tag so füllen, dass er sich am Ende genutzt anfühlt.

Hast du dagegen mal einen Tag komplett vorm Laptop verbracht? Wie fit und motiviert warst du nach den 387 Katzenvideos?

Katze
Bin wach… Duh.

Sag ich ja.

Call to Action!

Happy ganz ohne Functioning gibt’s nicht. Keine Frage, Funktionieren allein macht dich nicht glücklich. Aber dein Alltag ist dein Sprungbrett, um motiviert und aktiv zu bleiben und die Basis für das zu schaffen, was dir im Leben wichtig ist. Du kannst ihn nutzen. Deine Entscheidung. Unser größtes Problem ist nämlich nicht unbedingt, dass wir zu viel machen – wir neigen eher dazu, das Falsche zu tun und daraufhin in Resignation abzurutschen. Um dann wiederum in dunkler, zäher Passivität abzusaufen.

Dann hat sich das leider mit happiness.

Also: Bitte, bitte. Steh auf! Schalt das Ding hier aus! Mach was!

Irgendwas!

Staubsaugen zählt auch.

Quellen

  1. Steca, P., Monzani, D., Greco, A., D’Addario, M., Cappelletti, E., & Pancani, L. (2016). The effects of short-term personal goals on subjective well-being. Journal of Happiness Studies, 17(4), 1435-1450.
  2. Wilcox, K., Laran, J., Stephen, A. T., & Zubcsek, P. P. (2016). How being busy can increase motivation and reduce task completion time. Journal of personality and social psychology, 110(3), 371.

Ein Kommentar zu “Selbstbestimmt leben und aktiv werden: »Happy Functioning!«”

  1. ich habe das gefühl, dass ganz viele menschen irgendwie verpasst oder verlernt oder vergessen haben, dass sie selbst regie über ihr leben führen. vielleicht weil sie entscheidungen immer aus fragwürdigen gründen getroffen haben (sozial erwünscht, topdog, druck von seiten xy) und irgendwie nie eine erfahrung gemacht haben, die ihnen zeigt, he, eigentlich bin ICH SELBST dafür verantwortlich, wo ich bin. ich hatte das auch sehr lang. bis ich irgendwann mal aus nem traum ein ziel gemacht hab (mein eigenes foto von der golden gate bridge und vom grand canyon) und gemerkt hab, das geht. und langsam, ganz langsam, kam dann dieses bewusstsein, wenn ich mein leben scheiße finde, muss ich es halt ändern, weil ich zwar auch ewig drüber jammern kann, warum ich so und dort bin wo ich bin, aber ich dann am ende mein eigenes leben halt verpasst hab. das leben ist leider vermeintlich *bequemer*, wenn man einfach sitzen bleibt und jemand anderem die schuld dafür gibt, dass man sich mies fühlt. andere erkennen letztlich nicht die *richtigen* stellschrauben und drehen immer an den falschen und wundern sich, dass es nicht besser wird (wechseln immer den partner oder den job, wenn sie zum x-ten mal vor demselben thema stehen, anstatt sich das thema anzuschauen). wobei wir wieder an dem punkt wären, dass ich finde, jeder mensch sollte bis 30 verpflichtend mindestens 10 psychotherapie-stunden nehmen müssen, um einfach auch mal mit der nase drauf gestoßen zu werden, dass er in die falsche richtung rennt.

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