Selbsthilfe und Mitgefühl

Was ist das Ziel der Persönlichkeitsentwicklung?

Glückseligkeit für alle! 

Wie erreichen wir dieses Ziel?

Durch Himmelbilder mit schönen Sprüchen drauf, die wir auf Instagram verteilen! 

Warte, was?

Willst du den Hauptgrund wissen, warum ich seinerzeit beim Lesen von Blogs zur Persönlichkeitsentwicklung chronisch mit den Augen rollte? 

Weil sie fast alle irgendwie gleich waren. 

Alle skandierten dieselben Floskeln. Alle predigten dieselben »Methoden«. 

Bei allen ging es um Liebe. Um Dankbarkeit. Um Leidenschaft und Flow und Fluss. 

Alle waren weich und rosa wie kuschelige Wattewölkchen, die zum Träumen und Ausruhen einluden. Wolkenbetten, die dich einlullen und dich umarmen und dir sagen, dass alles gut wird. Dass du gut bist. Dass du loslassen kannst. 

Voll schön, oder? Das Internet: Deine Wohlfühloase. Der Ort, an dem Menschen dich noch in den Arm nehmen und dich in deinem Selbstmitleid bestätigen. 

Ich stand halt barfuß im Scherbenhaufen meiner Psyche vor diesem rosa Wolkenmeer und fühlte mich radikal verarscht. Aber hey. Rosa!

Falsche Tipps für die falschen Menschen: Zielgruppen der Persönlichkeitsentwicklung

Klingt das frustriert? Keine Sorge, mit geht’s gut. 

Der Wattewolkenhimmel war als solches auch nie ein Problem für mich. Im Gegenteil. Er war es, der mir das Konzept der Zielgruppe vor Augen geführt hat. 

Zielgruppe, das sagt man im Marketing, wenn man beschreibt, welche Menschen man mit seinem Produkt ansprechen möchte. Waren jene Blogs damals das Produkt, so war eins sonnenklar: Ich war nicht die Zielgruppe. Ich war die Anti-Zielgruppe. Die, die ganz ganz schnell auf das rote Kreuz in der linken oder rechten oberen Bildschirmecke klicken sollte. »Wir müssen leider draußen bleiben.«

Diese Blogs funktionierten für viele Menschen, nur eben nicht für solche wie mich. 

Das Problem dabei? Die Schreiberlinge wissen bis heute nicht, wer ihr »Produkt« findet. Die können gar nichts dafür, wenn ein Rosa-Phobiker in ihr virtuelles Paradies stolpert und vor lauter Entsetzen auf den Flokati erbricht. Dass mich die wohlig-warme Femininität ihrer Texte im Gegensatz zu vielen anderen nicht erreichen konnte, war mein Problem, nicht ihres. Konnte keiner vorausahnen. Passiert. Dauernd. 

Aber genau das ist ein riesiges Defizit der ganzen Ratgeber-Flut, in der wir heute schwimmen. Sie erreichen regelmäßig die falschen Leute. 

Falsche Bestätigung: Die Gefahr der mitfühlenden Selbsthilfeliteratur

In meinem Fall war das im Kern herzlich egal. Ich fand’s halt doof. Tja. Glücklicherweise bin ich erwachsen, reflektiert und weiß sehr genau, warum ich fühle wie ich fühle. Die einzige negative Konsequenz: Hat mir nicht geholfen. Ist halt so. 

Es gibt aber andere Fälle. Es gibt Menschen, denen derartige Texte vielleicht durchaus oberflächlich helfen – die von ihnen aber auf eine völlig falsche Fährte gelockt werden. Die von persönlichen Baustellen abgelenkt werden, die sie (und ihre Mitmenschen) behindern. 

Ziegen
»Mir geht’s schlechter!« »Nein, mir!« »Nein, mir!«

Weißt du, warum mich die »armer Schatz«-Mentalität der heutigen Selbsthilfeliteratur abstößt? Weil ich mit Menschen aufgewachsen bin, die sich selbst immer als Opfer betrachtet haben. Mit Menschen, die massiv empfänglich für diese ganze »komm in meine Arme«-Methodik waren, weil sie sich von ihr durch und durch bestätigt gefühlt haben. »Ich bin aber auch arm dran! Natürlich müssen jetzt mal die anderen ran! Ich werde ganz ungerecht behandelt – ich bin für nichts verantwortlich, die anderen sind Schuld!« Menschen, die sich daraufhin erst recht vor sämtlichen Verpflichtungen gedrückt und alles auf andere abgewälzt haben. Die nicht mit sich reden ließen. Die sich selbst zum Helden ihrer eigenen Geschichte erhoben haben – ohne jemals irgendetwas entfernt Heroisches zu tun. Sich um das eigene Kind zu kümmern, beispielsweise. Den Müll rauszubringen. Oder die ach so böse Ehefrau nicht die Treppe hinunterzustoßen. 

»Du bist der wichtigste Mensch in deinem Leben.«

»Gib Verantwortung ab.«

»Tu, was sich für dich gut anfühlt.«

Tja. Alles richtig gemacht, ne?

Positive Ratschläge und Persönlichkeitsentwicklung in Rosa: Ursachen

Für den Ratgebenden (das ist heute der Blogger) vermischen sich hier mehrere Faktoren. 

  1. Er will gefallen. Möglichst vielen Menschen!
  2. Lieb und mitfühlend zu sein ist einfach. 
  3. Verbale Umarmungen verkaufen sich besser als Arschtritte.
  4. Er will niemandem etwas Schlechtes – und schon gar niemandem auf die Füße treten.
  5. Er selbst hört gern, was er den anderen Menschen erzählt. Er tut ihnen doch einen Gefallen!
  6. Alle machen das so.

Auf diesen Zug aufzuspringen ist naheliegend. All die Blogs, die Menschen einfach ein gutes Gefühl geben wollen, folgen einem vorgetretenen Pfad. Negativität gibt’s schon genug im Leben, nicht wahr? Bleiben wir positiv! 

Ein Chefarzt sagte mal, man müsse auch Patienten mit schlechter Prognose den Horizont zeigen. Wo ich mich herzlich für die falsche Hoffnung bedanken würde (nicht), sah er an seinem Optimismus überhaupt nichts Schlechtes. Die Sache ist nur: Während er den Menschen zu Beginn versichert, dass sie nach ihrem schweren Schlaganfall gehend, essend und sprechend aus der dreiwöchigen Reha kommen würden, sind es am Ende die Physio- und Sprachtherapeuten, die auf die Notwendigkeit von Rollstuhl und Trachealkanüle hinweisen müssen. Der Chefarzt ist raus aus der Nummer. Die Therapeuten haben halt versagt. Der Chefarzt ist nicht mehr verantwortlich.

Der Blogger will auch nicht verantwortlich dafür sein, wenn Menschen auf seine Texte traurig oder verletzt reagieren. Da schmiert man den Leuten lieber Honig ums Maul – welche Prozesse auch immer man damit verstärkt, ausbaden tun die am Ende ja auch die anderen. 

Antrieb und Aktivität: Warum Happy Functioning?

Weißt du: Es hat schon seine Gründe, warum ich so auf meinem Happy Functioning beharre. Ich will eigentlich auch lieber lieb und mitfühlend sein, auch lieber nur umarmen und allen etwas Gutes tun. Auch nur das happy forcieren. Aber ich kenne zu viele Menschen, die darunter leiden, dass andere zu viele Gefallen einfordern. 

Ich weiß ziemlich genau, wie sich schwere Depressionen anfühlen. Ich habe vor ein paar Monaten (offensichtlich erfolglos) versucht, mich umzubringen. Ich falle auch in Löcher. 

Die Sache ist die: Solange ich lebe, kämpfe ich. Ich bin zwei Tage nach dem gescheiterten Versuch arbeiten gegangen als wäre überhaupt nichts passiert – das war nicht unbedingt meine gesündeste Entscheidung und ich würde das auch niemandem empfehlen. Es steht absolut jedem zu, sich mal eine Weile nur um sich selbst zu kümmern. Aber: Mein Kämpfen und Funktionieren hat mich ziemlich schnell an einen Punkt gebracht, an dem für mich klar war, dass der Suizidversuch das mit Abstand dümmste war, das ich tun konnte. Weil man sich im Leben so verdammt viel erarbeiten kann. Weil man so verdammt viel tun und erreichen kann, dass es völliger Quatsch ist, Stunde um Stunde vor der Playstation 4 zu hocken. Das Leben ist nämlich das geilste Open World Game, das wir haben. 

Leider haben wir davon überhaupt nichts, so lange wir jammernd auf dem Arsch sitzen. Natürlich ist es mit klinischer Depression ein Horror, morgens überhaupt aus dem Bett zu kommen. Aber wenn man sich an etwas festbeißt, dann bekommt man es früher oder später auch auf die Reihe. In jenen Momenten, in denen der Kopf längst abgeschaltet hat und die Krankheit regiert: Okay. Lass los. Such Hilfe. Lass dich umarmen. Immer und immer wieder, damit du spürst, dass du hier hergehörst. Aber sobald dein Kopf dir ein kleines bisschen Antrieb schenkt: Nutz ihn! Bitte! 

Weißt du, jemand, der shoppen gehen und in den Urlaub fahren kann, der kann auch in irgendeiner Form arbeiten. Jemand, der den Kopf hat, Selbsthilfeseiten im Internet zu suchen und zu lesen, der kann auch mal aufstehen, abwaschen und den Müll rausbringen. Der kann auch sein Leben auf die Reihe bekommen, sich Ziele setzen und vorankommen. In Babyschritten vielleicht, aber das ist okay. Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, andere alles für sich tun zu lassen und in Passivität und Selbstmitleid ersaufend Shopping Queen zu gucken oder vor Videospielkonsolen zu verrotten. Und ich sage das nicht nur so: Ich habe bei jedem dieser Worte etliche reale Personen vor Augen, die sich genau das einmal zu Herzen nehmen sollten. Damit die Menschen in ihrem Umfeld auch mal wieder ihr eigenes Leben leben können. (Sonst sind das die nächsten Depressiven.)

Tough Love: Hilfe zur Selbsthilfe kann auch ein Arschtritt sein!

Bisons
»Hey Welt, du laberst uns an?!«

Ich sage nicht, dass Selbsthilfe-Blogger nun zu Arschlöchern mutieren sollen. Aber die Welt braucht nicht nur Liebe und Umarmungen. Alle guten Dinge entstehen durch Arbeit. Und auch wenn dieses Wort durch deinen Brötchenjob, ob vorhanden oder nicht, einen bitteren Beigeschmack hat: Arbeit ist gut! Arbeit bedeutet im Kern nur, dass du dich in irgendeiner Form »ertüchtigst«. Dass du etwas machst. Aktiv wirst. Wer aktiv ist, kommt weiter. Und dieses Weiterkommen, das fühlt sich geil an. Gut in etwas zu werden ist wie eine Droge. Es eröffnet dir immer neue Möglichkeiten.

Umarmungen in allen Ehren: Manchen Menschen ist mit einem Arschtritt mehr geholfen. Auch Arschtritte erreichen mal die falsche Zielgruppe, klar, aber zumindest haben wir dann ein Gegengewicht zu all den Wattebäuschen da draußen. Die meisten von uns sind nämlich gar nicht so arm, wie sie vielleicht glauben. Die meisten von uns schleppen einfach ein enormes Potenzial mit sich herum, das sie nicht entfalten. Das macht unglücklich. Ganz tief drin weißt du nämlich durchaus, dass da draußen noch viel mehr auf dich wartet. 

Es geht mir nicht um Glückseligkeit für alle. Meine Zielgruppe waren immer die Desillusionierten. Die, die ein bisschen so sind wie ich. Denen Mitgefühl nichts bringt, weil sie hinterfragen. Weil sie auf rosa Wölkchen nur mit Augenrollen reagieren. Die einfach einen Schubs brauchen – eine konkrete Erinnerung daran, was trotz all der Scheiße da draußen alles möglich ist. Die mit eigenen Augen sehen müssen, was geht und was nicht. 

Wir reden uns nämlich sehr schnell ein, dass mit Depressionen, doofer Kindheit und ausgeprägtem inneren Kritiker eigentlich schon alles verloren ist im Leben. Glücklicherweise ist das Blödsinn! 

Was immer dich bremst: Da geht trotzdem noch was. Da geht sogar verdammt viel. 

Du musst nur den Arsch hochkriegen. 

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