Stereotypen und Selbstreflektion

Oder: if(blau) nay; else if (!blau && grün) yay;

Letztens sagte mir jemand via WhatsApp, ich würde voll und ganz »in diese Welt passen« – vermutlich in der Annahme, diese pseudo-wohlwollende Floskel würde mich mental auf eine rosa Wattewolke transferieren. Sich für mich womöglich gar wie ein großzügiges Kompliment anfühlen.

Leider musste ich stattdessen dem Drang widerstehen, mich in meine Teetasse zu erbrechen.

Versteh mich nicht falsch. Ich bin durchaus jemand, der das Gute im Menschen, in der Welt und in sich selbst sehen kann. Es gibt ein Bataillon an Lebewesen und Dingen in meinem Leben, die ich unheimlich schätze und für die ich jeden Tag aufs Neue dankbar bin. Unsere heutige Zeit bietet obendrein Chancen, von denen einige Jahre zuvor niemand auch nur zu träumen gewagt hätte: Wir tragen das Wissen der Welt in unseren Hosentaschen spazieren – und es steht uns frei, unseren Teil zu diesem Sammelsurium an Informationen beizutragen.

Die Welt ist niemals nur schwarz. Sie ist aber auch nicht bloß weiß.

Hold my Schubladendenken

Dieses monströse Netzwerk an Fakten, das frei zugänglich durch unsere Smartphones, Laptops und Clouds pulsiert, ist für den heutigen Standard-Menschen too much. Tagtäglich bricht eine solch omnipräsente Overdose an Informationen über uns herein, dass wir beim Versuch, den gesamten Input zu verarbeiten, mental und kognitiv ausbrennen. Wie viel genau wir davon managen können, bis der Arbeitsspeicher voll ist, ist individuell verschieden. Fakt ist jedoch: Das Ausmaß interpretierbarer Informationen bis zum Kollaps nimmt stetig ab. Das Fass ist voll. Und jeder Tropfen bringt uns dem Überlaufen näher.

Es ist eine natürliche Reaktion, dass wir die Komplexität jener Daten, die unser neurologisches Betriebssystem verarbeiten soll, mehr und mehr aufzuheben versuchen, indem wir Informationen in Schubladen stecken. Man mag das Schubladendenken verteufeln wie man will: Wir alle arbeiten damit. Wir ordnen das, was wir sehen und hören, erlernten Stereotypen zu. Manche davon sind überlebenswichtig für uns, weil sie uns Gefahren erkennen lassen. Andere dienen der bloßen Vereinfachung, um Fakten in unser persönliches Weltbild einbetten zu können.

Per se sind diese Stereotypen und Vorurteile nichts Negatives. Viele von ihnen haben einen Nutzen für uns. Andere stehen auf wackligen Beinen und führen uns gelegentlich in die Irre – und doch ist das kein Drama, weil ein reflektierter Mensch jederzeit dazu in der Lage ist, ein kognitives Muster als falsch zu identifizieren. So sind eben wider Erwarten doch nicht alle Blondinen doof oder alle Jack Russell Terrier bissig. Kein Thema: Dann wird das falsche Merkmal eben aus der Schublade genommen.

Eigentlich.

Trau, schau, passt schon

Die unscheinbare Fähigkeit der Selbstreflektion ist heute leider nicht mehr sonderlich modern. Der Mensch ist so damit beschäftigt, seine persönlichen Bedürfnisse zu befriedigen und in unserer vollgestopften Zivilisation nicht verloren zu gehen, dass er zwar nach wie vor mit Schubladen arbeitet – dabei aber kaum noch fähig ist, zu differenzieren, auf welchen Annahmen seine persönlichen Stereotypen fußen und inwieweit sie überhaupt auch nur ansatzweise der Realität entsprechen. Sich selbst und den Rest der Welt stetig zu hinterfragen ist nämlich anstrengend. Und Anstrengung mögen wir nicht. Unsere Anstrengungstoleranz ist bereits lange überschritten, wenn wir es geschafft haben, unseren Arsch pünktlich ins Büro zu bewegen.

Im Kern ist das nicht weiter tragisch. Wir sind (eigentlich) keine Computer. Wir können nicht unabhängig von unseren Befindlichkeiten funktionieren und stetig korrekte Analysen und Berechnungen anstellen.
Die Ironie ist allerdings die, dass wir einen solchen Grad von Faulheit und Unfähigkeit im Hinblick auf die Überprüfung unserer eigenen Verarbeitungsprozesse entwickelt haben, dass wir überhaupt nicht mehr wahrnehmen, wie stumpf wir geworden sind. Und das macht uns leider Gottes zu verdammt dummen Herdentieren, die sich leichter steuern lassen als Getränkeautomaten.

Gib uns bestimmte Schlüsselworte und wir werden berechenbar und zuverlässig reagieren.
Gib uns Flüchtlinge. Gib uns Nazis. Gib uns Klima.

Und wir scheißen auf die Fakten. Wir tun genau das, wozu wir uns haben programmieren lassen. Wir jubeln, pöbeln oder hüpfen. Wir mutieren zu einer Welle übermüdeter, frustrierter, aber gehorsamer Massenhysterie. Wir sind die Rinderherde, die, aufgescheucht vom Gewitter, über die Klippe hetzt – und erst kurz vor dem Aufschlag erwacht und denkt: Fuck. Das wird wehtun.

???

Ist das die Welt, in die zu passen erstrebenswert sein soll?

Natürlich bin ich Mensch. Natürlich bin ich bis zu einem gewissen Grad Herdentier. Natürlich funktioniere ich nach bestimmten psychologischen Mustern, die aufzubrechen mich zeitweise mehr Anstrengung kostet als ich aufbringen kann.

Aber muss ich mich damit abfinden? Muss ich die Schultern zucken und sagen, »okay, c’est la vie, let’s get ready to rumble«?

Fernab von stupider Schwarzmalerei: Muss ich das gut finden, was wir tagtäglich tun, was wir uns einbilden zu tun, was wir letztendlich doch nicht tun?

Musst du das?

Ist es nicht an der Zeit, dass wir wieder lernen, Fragen zu stellen?

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