Depressionen: Den Kopf über Wasser Halten

»Stell dich nicht so an!«

Wie sieht die (nicht-betroffene) Gesellschaft einen Depressiven? Oh, das ist easy. Ein Depressiver ist ein träger Trauerkloß, der sein Umfeld mit seinem Weltschmerz überschüttet. Jemand, der sein Leben schlecht bis gar nicht auf die Reihe bekommt. Eine funktionsunfähige Heulsuse, faul, chronisch übellaunig und, ganz nebenbei, der Horror eines jeden Arbeitgebers.

Wenn’s nicht so traurig wäre, dann wär’s zum Totlachen, wie abartig viel Meinung und wie gottverdammt wenig Ahnung hinter solchen Klischee-Bildern steckt.

Wo bei einer selbst-verschuldeten (sorry) Gegebenheit wie dem Übergewicht nach fat-acceptance geschrieen wird, ist und bleibt Depressions-Bashing immer ganz hoch im Kurs. Einerseits, weil jeder Depp, der mal einen schlechten Tag hat, sich als »depressiv« bezeichnet. Andererseits aber auch, weil die Gefühlswelt (oder der Mangel derselben), in der ein Depressiver lebt, für einen seelisch Gesunden schlicht nicht greifbar ist.

Leben mit Depressionen: Kraftlosigkeit und Schauspielerei

Als depressiver Mensch bist du immer irgendwie unter Wasser. Da lastet konstant ein wahnsinniger Druck auf dir – einer, den du nicht loswerden kannst, weil er von überall kommt. Von oben und unten und von den Seiten und von ganz tief drinnen. Bewegungen kosten so viel Kraft, dass du am liebsten ganz still liegen bleiben würdest. Jeden Schritt nach vorn machst du gegen mauergleichen Widerstand – so dass du immer das Gefühl hast, du wirst einfach zerquetscht, wenn du’s zu sehr versuchst.

Du tust es trotzdem.

Und du tust es mit einem Lächeln. Zumindest, solange du gesehen wirst. Denn du wirst einen Teufel tun und dir irgendetwas anmerken lassen. Du funktionierst. Du funktionierst besser als alle anderen. Du beklagst dich nicht. Du reißt Witze. Auch dann noch, wenn die Hütte brennt. Du bist der Clown – der Sonnenschein. Du bist der, der andere an ihren schlechten Tagen aufpickt und ins Licht zurückbringt. Du bist der Fürsorgliche. Der, der sich kümmert. Immer irgendwie mitdenkt und mitlenkt. Weil du genau weißt, wie’s da unten ausschaut. Und solange du’s verhindern kannst, soll niemand fühlen, was du fühlst.

Und niemand soll wissen, dass du fühlst, was du fühlst. Du bist defekt. Völlig zerfressen von einem unsichtbaren Monster, das in dir wütet, dich aushöhlt. Alles auch nur entfernt Gute in Scherben und Fetzen verwandelt. Niemand darf das sehen. Sonst denken die am Ende noch genauso beschissen über dich wie du selbst. Dass du kaputt bist. Unnormal. Unfähig. Wertlos.

Es ist ja auch nicht so, als würde das irgendjemand verstehen. »Was ist denn so schlimm an deinem Leben? Was ist denn passiert? Anderen geht es doch viel schlechter als dir! Jeder hat mal einen schlechten Tag. Dann muss man eben mal die Zähne zusammenbeißen.« Was sollst du dazu sagen? »Oh, stimmt, hatte ich vergessen«? Oder doch lieber »Fuck you very much«?

Selbstbild und Coping

Im Spiegel siehst du nicht dich selbst – nur die Bestie und ihre Zähne. Und die Toten, die mal deine Träume waren.

Zukunft? Nope. Siehst du nicht. Hast du nicht. Keine Wünsche, keine Ziele, nur noch ein endloses Garnichtsmehr. Dein Leben ist kalt und grau und leer.

Sinnlos.

Du bist so gottverdammt sinnlos.

Wenn du nicht musst, tust du nichts. Du spielst nur deine Rollen. On-duty bist du high-functioning und ein Method Actor wie Robert Downey Jr. – off-duty fällst du in dich zusammen wie ein Kartenhaus. Kein Ass im Ärmel, nur ein paar verkrüppelte Coping-Strategien. Rennen, bis dir das Herz aus der Brust springt. Malen, mit Farben, die das intensive Grau auslöschen. Schreiben, mit Worten, die das lähmende Nichts in dir verjagen sollen. Oder schlafen. Einfach nur schlafen.

Wenn du denn kannst.

Bett
Bett fragt nicht. Bett lässt mich.

Sonst liegst du eben da und starrst die Decke an. Ungewaschen, ungekämmt, immer noch in denselben Klamotten, die du vor zwei Tagen schon anhattest. Während sich um dich herum der Müll auftürmt und das Chaos anfängt, dich langsam zu verdauen.

Depressionen bedeuten Einsamkeit

Manchmal sind da Menschen, die dir nahe kommen – und manchmal sehen die durch die Fassade. Und das erschreckt dich jedes Mal aufs Neue.

Manchmal lässt du sie gewähren, als kleinen Test, als kleines Experiment, ob dich vielleicht, ganz vielleicht, trotz allem jemand lieben kann… Aber du bereust es. Immer.

Auf seine Frage, wie’s dir geht, brichst du in Tränen aus. Und vor lauter Entsetzen, dass deine Maske einfach so zerbrochen ist, einfach so deine verkrebste und verkrüppelte Seele preisgibt, hier, vor ihm, kannst du nicht mehr damit aufhören. Und dann stehst du da, in seinen Armen, seine Stirn an deiner, und bist nur noch Salzwasser und Verzweiflung.

Später schreibst du ihm, es täte dir leid. Er solle das vergessen. Bitte. Und er schreibt, nein. »Ich mag dich wie du bist, mit allen Schnörkeln.« Er mache sich Sorgen. Du blockst ab.

Und dann hörst du mal einen Tag nichts von ihm. Und du bist sicher: Das war’s. Er hat dich abgeschrieben. Das war zu viel. Er braucht kein gottverdammtes Monster in seinem Leben.

Egal, wie oft er dir noch das Gegenteil beweist: Diese Gedanken gehen nie fort. Sie kommen jedes Mal wieder.

Manche Menschen sind Gold. Pures, gleißendes Gold. Die bleiben bei dir, obwohl du kaputt bist. Sie nehmen dich auch mit Monster in den Arm. Sie finden dich nicht wertlos. Sie werden nicht einmal müde, dir das zu sagen – obwohl es sich anfühlen muss, als würden sie gegen Schallschutzmauern anschreien.

Und trotzdem ist das Schwerstarbeit für sie. Weil du jede liebe Geste, jedes liebe Wort hinterfragst. Meistens stumm. Manchmal auch ganz direkt.

Obwohl du so dankbar bist. Obwohl diese Menschen dir heilig sind, weil die Einsamkeit dich von innen her auffrisst. Aber mit dir befreundet zu sein ist wie ein Tanz auf einem Minenfeld. Und das tut dir leid. Unendlich leid.

Du versuchst ja, normal zu sein. Du versuchst es. Ehrlich.

Aber im Kern weißt du immer: Du bist eine Belastung. Du hast die Menschen, die dich (zu) lieben (scheinen)
– denn wer kann das wirklich? Werwerwer? –
nicht verdient. Es wäre besser für die Welt, wenn du einfach verschwinden würdest.

»Habe ich Depressionen?«

Depressionen hast du nicht mal für vier, fünf Tage und dann geht’s wieder. Gefühle von Leere, Freudlosigkeit und Antriebslosigkeit ziehen sich mindestens über mehrere Wochen – wenn nicht über Monate oder (je nach Verlaufsform) gar Jahre. Es kann sein, dass du in regelmäßigen Abständen depressive Episoden durchlebst und zwischendurch normale Phasen hast. Oder du leidest unter einer konstant gedrückten Stimmung, mal mehr, mal weniger schlimm – und das schon über lange Zeit hinweg. Oder aber du rutschst zwischen deinen depressiven Episoden immer wieder in die Manie. Egal, unter welcher Form du leidest: Depressionen sind eine Krankheit und behandlungsbedürftig.

Was mach ich, wenn ich depressiv bin?

Wenn’s dir beschissen geht: Geh zum Arzt. Wenn du einen guten Draht zu deinem Hausarzt hast, werde dort vorstellig. Ein vernünftiger Hausarzt unterstützt dich auch bei der Suche nach einem Psychiater.

Psychische Erkrankungen sind nicht peinlich. Du bist nicht schwach, wenn du um Hilfe bittest.

Auch wenn es gerade schwer im Trend liegt, Medikation abzulehnen: Antidepressiva sind gerade anfangs eine Stütze, um dir ein Lebensfundament zurückzugeben. Sie steigern deinen Antrieb und sorgen dafür, dass du wieder aufstehen und handeln (und an dir arbeiten) kannst. Ich rede hier nicht nur aus persönlicher Erfahrung – ich stütze mich dabei auch auf meine Beobachtungen aus der neurologischen Rehabilitation, wo viele Patienten aufgrund der Schwere ihrer Erkrankungen in die Depression abrutschen. Viele sind erst wieder therapiefähig, wenn wir medikamentös nachhelfen. Das hat nichts mit Placebos zu tun: Ein großer Teil des Klientels kann leider Gottes nicht einmal nachvollziehen, welche Mittel er bekommt.
Also, bevor du von der Brücke springst: Nimm um Himmels Willen die Pillen! Man kann die Mittel ausschleichen, wenn man sich eine gewisse Resilienz erarbeitet hat. Behauptungen, man wäre den Rest seines Lebens von Medikation abhängig, sind Blödsinn. Sie beruhen auf Absetzfehlern.

Es ist verdammt schwer, in Deutschland zeitnah einen Therapieplatz zu bekommen. Wenn wirklich gar nichts mehr geht und du das Gefühl hast, an der Klippe zu stehen und springen zu wollen: Wende dich an eine psychiatrische Klinik. In speziellen Ambulanzen kannst du auch mitten in der Nacht auflaufen. Lass dich stationär aufnehmen. Das hat nichts mit Klapse oder geschlossener Abteilung zu tun! Du wirst dort sowohl medikamentös eingestellt als auch psychotherapeutisch behandelt. Die Menschen dort wollen dir helfen. Dein Leben retten. Es wieder lebenswert machen.

Du kannst und wirst noch ein schönes Leben haben. Auch, wenn’s dir gerade richtig dreckig geht: Es geht weiter. Es geht aufwärts. Versprochen! Ich bin heute verdammt dankbar dafür, dass mein Suizidversuch gescheitert ist. Es wird besser werden. Glaub mir.

Tiger
Ich lache doch, gottverdammt!

Was mach ich, wenn mein Angehöriger depressiv ist?

Im Umgang mit Depressiven schlitterst du meist über verdammt dünnes Eis. Wir meinen das nicht so – wir fallen nur gelegentlich auf die Lügen unserer inneren Dämonen herein.

Versuch, dich mit guten Ratschlägen zurückzuhalten. Nein, wir können nicht mal eben ans Meer fahren. Nein, wir können uns nicht einfach mal zusammenreißen und weitermachen. Geht nicht. Wenn du auf solchen Tipps beharrst, gibst du dem Betroffenen das Gefühl, er sei selber Schuld an seiner Lage. Das hilft ihm nicht. Das macht es schlimmer.

Sei da. Hör zu. Wenn du merkst, dass dein Angehöriger oder deine Angehörige mehr und mehr abrutscht und nicht weiterkommt: Bring ihn oder sie zum Arzt. Übernimm die Verantwortung. Spiel Taxi und fahr ihn oder sie hin. Geh mit in die Praxis. Notfalls sogar mit ins Behandlungszimmer. Lass dich bei Bedarf auch selbst von einem Arzt beraten, wie du dich verhalten sollst und was du tun kannst.

Ganz wichtig: Achte auch auf dich selbst. Niemandem ist geholfen, wenn du am Ende selbst zusammenbrichst. Depressive neigen ohnehin zu Schuldgefühlen.

Depression lügt!

Depression ist nicht stupide Traurigkeit. Depression ist Lähmung und Leere und Schmerz – ohne ersichtlichen Grund, vor dem du fliehen könntest. Depressionen flüstern dir ins Ohr, dass du wertlos bist, dein Leben sinnlos ist, dass du anderen die kostbare Luft wegatmest und dich schämen solltest, auf dieser Welt zu wandeln. Sie machen einen Schauspieler aus dir, der seine Bestien hinter einem Lächeln versteckt – so lange wie nur irgendwie möglich.

Vielen von uns sieht man die Monster nicht an. Unsere Bestien tragen Make-up und Partyhüte. Wenn sie endgültig die Kontrolle übernehmen, gehen wir mit einem lauten Knall, den niemand erwartet hat – niemand außer uns. Weil für uns das Leben nichts als ein verdammt langer Abschied ist.

Wir können nur hoffen, rechtzeitig Wege für uns zu finden, den Monstern so richtig die Fresse zu polieren. Und Menschen, die uns dabei helfen, die stacheldrahtumwickelten Schläger zu schwingen. Menschen, die die Lügen aus unseren Herzen verjagen und uns das Licht wiedergeben.

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